Totgesagte leben länger. Unter diesem Motto könnte die „Need for Speed“-Reihe in den letzten Jahren stehen, denn mit jeder neuen Ankündigung prophezeien Genrekenner und solche, die sich dafür halten, das Ende der Kultrennserie. Doch jedes Mal schafft es Electronic Arts der PS-Brand neues Leben einzuhauchen. Ob dies auch mit „Need for Speed: Most Wanted“ gelingt, erfahrt ihr in unserem Review.
Most Wanted
Während „Need for Speed: The Run“ noch mit einer rudimentären Hintergrundstory aufwarten konnte, die zumindest den Anfang als spannendes Actionszenario inszenierte, verzichtet der aktuelle Teil der Reihe auf einen spielüberspannenden Handlungsbogen. Einzig die Jagd nach dem ersten Platz unter den meistgesuchten Fahrern in der fiktiven Stadt Fairhaven soll demnach Spieler motivieren Rennen um Rennen zu bestreiten. Dabei steht das Sammeln von Punkten im Mittelpunkt, die nach und nach die gestürzte Rangliste der Most Wanted als Herausforderungen freischalten.
Herzstück von „Need for Speed: Most Wanted“ ist die Open World von Fairhaven. Ein großzügig angelegtes urbanes Setting, in dem es nicht nur viele Autos zu finden, Radarfallen zu entdecken und Plakatwände zu durchspringen gilt. Denn illegale Straßenrennen halten an jeder Ecke die hiesige Polizei auf Trab. Klingt alles soweit gut und schön, doch zumindest im Singleplayer-Modus wirkt die fiktive Stadt über weite Strecken leblos. Sie bietet im Grunde keinen Anreiz, um durch die Straßen zu rasen, denn man hat das Gefühl einziger Sinn und Zweck des Rennfahrerlebens sind Verfolgungsjagden mit der Polizei. Während es beispielsweise im diesjährigen Open World-Konkurrenten „Forza Horizon“ an nahezu jeder Ecke etwas zu entdecken gibt, bleiben Überraschungen und Herausforderungen abseits der Most Wanted-Storyline weitgehend aus.
Apropos Verfolgungsjagden: Es hat übrigens keine Konsequenzen, wenn man vom Freund und Helfer gestellt wird. Wer sich also die oft minutenlangen Duelle mit den lokalen Gesetzeshütern ersparen will, lässt sich einfach festnehmen, um wenig später bereits wieder durch die Straßen Fairhavens zu brettern. Doch der Reihe nach; beginnen wir mit der Ankunft im Mekka des illegalen Rennsports und nehmen wir Platz im ersten Boliden. Via Steuerkreuz gelangen wir in ein Menü, das das Spiel jedoch nicht unterbricht und sehen uns ein wenig um. Hier können wir verfügbare Events einsehen und unseren Fuhrpark verwalten. Nachdem wir nach Fairhaven gekommen sind, um Rennen zu fahren, legen wir auch gleich los.
Ab zum Treffpunkt
Über besagtes Menü legen wir den anzusteuernden Eventpunkt fest und folgen der Route eben dorthin. Mit jedem Auto stehen dem Spieler an dieser Stelle fünf Events zur Auswahl, die jeweils Upgrades für besagten Boliden freischalten. Zwar unterscheiden sich diese Rennen zum Teil, doch im Grunde muss man mit jedem Auto dieselben Herausforderungen bestreiten, um es wettbewerbsfähig zu machen. Dabei gestaltet sich bereits das dritte Event meist als so schwer, dass man mit den bis dahin erworbenen Upgrades einiges an Mühe hat zum Erfolg zu kommen, denn nur die ersten Drei erhalten jeweils Punkte – Upgrades gibt es sogar nur für die ersten Zwei. Halb so wild, da ein wenig Herausforderung nicht schaden kann, doch leider gibt es nichts, dass uns vom schnöden Rennalltag ablenkt. Wer es also bei einem Rennen partout nicht ins Top-Duo schafft, kann eigentlich nur die leichten Rennen nochmals fahren, um die Bestzeit zu verbessern und ein paar Punkte abzugreifen. Alternativ bleibt der Umstieg in ein neues Auto. Abwechslung in Form von kurzweiligen Minigames sucht man hingegen vergebens.
Online hingegen präsentiert sich Fairhaven um einiges lebendiger. Im Mehrspieler-Modus gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich mit den PS-starken Boliden auszutoben. Wie mittlerweile üblich wird zwar auf einen lokalen Splitscreen-Modus verzichtet – eine Entwicklung, die ich nach wie vor nicht nachvollziehen kann – doch via Internet findet man Kameraden, Rivalen und abwechslungsreiche Herausforderungen. Das Autolog-System kann online sein volles Potential entfalten und die Jagd nach Punkten und Rekorden macht auf diese Weise deutlich mehr Spaß. Schade nur, dass man sich nicht die Mühe gemacht hat, einigen Online-Content auch für den Singleplayer zu adaptieren.
Grafik und Sound
„Need for Speed: Most Wanted“ zeigt sich optisch von einer überaus ansprechenden Seite. Zwar wirken hie und da Schatten sehr pixelig und Konturen lassen eine dünne weiße Umrandung erkennen, doch im Großen und Ganzen werden Racing Fans bestens bedient. Und auch Criterion Games lässt es sich nicht nehmen die tiefstehende Sonne bis aufs letzte auszureizen. Zudem gefällt das Schadensmodell, das sich jedoch durch ein einfaches Rasen durch eine Werkstatt wieder ausbügeln lässt – dass sich dabei auch jedes Mal die Farbe des Autos ändert mag hingegen vielleicht nicht jedermanns Geschmack sein.
Akustisch gibt sich „Need for Speed: Most Wanted“ so gut wie keine Blößen. Die deutschen Synchronstimmen sind authentisch, die Musik rockig und die Motorengeschräusche satt. Einzig bei längeren Verfolgungsjagden fangen die sich wiederholenden Ansagen über den Polizeifunk an zu nerven, doch das großartige Motorengeheul macht dies mehr als wett.
Zusammenfassung und Wertung gibt’s auf der nächsten Seite.
Ein umfangreicher Online-Modus rettet ein ansonsten etwas seelenloses „Need for Speed: Most Wanted“, denn als Singleplayer-Game würde der neueste Ableger der Reihe leider kampflos untergehen. Zudem werde ich auch in diesem Fall nicht müde den fehlenden Splitscreen-Modus anzuprangern, denn in einer Zeit, in der die TV-Geräte immer größer werden, ist es unverständlich auf ein – gerade Rennspielen ureigenes – Feature zu verzichten. Alles in allem liefern Criterion und EA aber einen unterhaltsamen Online-Racer ab, der jedoch weder als Revolution in die Annalen des Genres eingehen wird, noch ein glorreiches Kapitel in der Franchise-Geschichte schreibt.
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