Kein anderer Titel schaffte es die Grenzen zwischen Rollenspiel und Shooter derart gekonnt verschwimmen zu lassen, wie dies bereits die Vorgänger von „Mass Effect 3“ taten. Ob die Trilogie auch am Höhepunkt neue Maßstäbe setzt, erfahren Sie in unserer Review.
Die Vorgänger
Als einer der wenigen unter meinen Kollegen habe ich die Teile Eins und Zwei nicht bestritten und verweise daher in Sachen Vorgeschichte auf unseren grandiosen First Look zu “Mass Effect 3” (Hier geht’s zum First Look!). Als ich versuchte mein Wissensdefizit durch Erzählungen und Eigenrecherche aufzubessern, musste ich einsehen, dass dieser Rückstand nicht aufzuholen war. Dementsprechend stürzte ich mich einfach als John Shepard in die epische Geschichte um den Krieg gegen die Reaper. Ich sollte gefesselt, ergriffen und begeistert werden …
Der Einstieg in die Handlung ist dann auch gleich so fesselnd, dass man ohnehin wenig Zeit hat sich Gedanken über Vergangenes zu machen. Auch wenn schnell klar wird, dass der Held eine Vergangenheit hat und dass er Mahner in einer Stunde war, als niemand ein offenes Ohr für seine Warnungen hatte. Ich habe es also kommen sehen und nun ist es eingetroffen. Sie sind da. Somit beginnt „Mass Effect 3“ mit einem Szenario, dass anderswo als großes Finale zelebriert worden wäre – der Schlacht um die Erde. In nur wenigen Stunden wird die unvorbereitete Verteidigung zerlegt und Commander Shepard flieht mit seinem Schiff, der Normandy, um die Völker gegen den übermächtigen Feind zu vereinen und somit nicht nur die Galaxie, sondern allen voran seine Heimat zu retten.
Vor dem Sturm
Doch bevor man sich seinem Schicksal stellt, gilt es den guten Commander nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten oder einen vorhandenen „Massiv Effect 2“-Charakter zu importieren. Sechs Klassen stehen dabei zur Auswahl, die ihre Fertigkeiten in verschiedenen Feldern spezialisiert haben. Bevorzugt man beispielsweise den Umgang mit Schusswaffen, wird man als Soldat oder Infiltrator glücklich. Fühlt man sich hingegen der Biotik zugetan, sollte man sich für den Wächter entscheiden. Technikfreunde werden hingegen als Techniker ihre Erfüllung finden. Ist die Entscheidung gefällt, folgt eine rollenspieltypische Charaktererstellung mit äußerlicher Gestaltung und Festlegung der Hintergrundgeschichte.
Die epische Reise beginnt – auf der nächsten Seite.
Nachdem in den ersten Augenblicken des Spiels die Erde Opfer der Reaper wird, zieht sich Shepard mit wenigen Vertrauten, darunter auch alte Bekannte, zurück, um in den Weiten des Weltraums bei anderen Völkern um Hilfe zu bitten. Die Normandy ist dabei das Fluchtschiff und in der Folge neben der Citadel einer der wichtigsten Orte im Spiel. Spätestens nachdem Spezialistin Traynor die Mannschaft bereichert, ist das Raumschiff einer der Orte, an denen man in den Wirren des Krieges Ruhe finden kann. Die räumliche Aufteilung ist sehr gut gelungen und man findet sich sofort zurecht. Mithilfe der Sternenkarte navigiert man ab sofort durch die Weiten des Weltraums und koordiniert die Rettung der Galaxien. Neben der Koordinationsfunktion der Normandy erfüllt das Schiff auch die Funktion der Werkstatt, in der man Waffen und Rüstung modifizieren und verbessern kann. Ein weiteres gelungenes Feature des Spiels.
In der Citadel
Neben der Normandy zählt wie bereits erwähnt die Citadel zu den zentralen Schauplätzen im Spiel. Hier regiert der Rat und hier trifft man zahlreiche Personen und Persönlichkeiten, die im Kampf gegen die Reaper eine wichtige Rolle spielen. Intrigen, Diplomatie und Handel prägen das Gameplay an diesem Ort, doch im Verlauf des Spiels macht der Krieg auch vor dem Herz der Allianz nicht Halt. Durch eine übersichtliche Karte, die sämtliche Ansprechpartner und wichtigen Orte zeigt, bleibt die weitläufige Citadel in ihrem Abwechslungsreichtum stets überschaubar.
Cerberus
Als eines der Beispiele für die vielschichtigen Verflechtungen sei an dieser Stelle Cerberus genannt. Spielern der vorangegangenen Teile nicht unbekannt, sorgt dieser Verband für zusätzliche Spannungen im Spiel, als zweiter Widersacher neben den Reapern. Die Motive von Cerberus sind unklar und sie tauchen stets dort auf, wo man sie zu Beginn am wenigsten vermuten würde. Neben diesen unangenehmen Gesellen gibt es jedoch eine Unzahl an befreundeten oder zumindest neutralen Völkern, die mal leicht, mal schwerer dazu zu bewegen sind sich dem Kampf gegen den gemeinsamen Feind anzuschließen. Ein schwieriges Unterfangen, für welches es verschiedenste Herangehensweisen gibt. Die Handlungsfreiheit dabei ist verblüffend und die Entscheidungen in Wort und Tat verändern den Lauf der Dinge.
Kleiner Schwächen und die Zusammenfassung gibt’s auf der nächsten Seite.
Ähnlich wie bei „The Elder Scrolls V: Skyrim“ kommt ein umfangreiches Spiel wie „Mass Effect 3“ an ein paar Bugs und Grafikfehlern einfach nicht vorbei. Keiner dieser vernachlässigbaren Unzulänglichkeiten kann jedoch den Spielfluss stören oder gar den Spielspaß trüben. Denn eine fehlende Lippensynchronisation hier oder ein kleines Grafikruckeln da, gehen unter in der epischen Geschichte, die von der ersten Minute an fesselt.
Emotionen
Bevor wir nun zur Zusammenfassung und zur Bewertung kommen, möchte ich noch einige Worte zu den unglaublich fesselnden Aspekten des Spiels verlieren. Denn wie kaum ein anderes Spiel, das mir bekannt ist, vermag „Mass Effect 3“ den Spieler emotional zu packen und nahezu „storysüchtig“ zu machen. Waffen, Upgrades und das sehr schöne Skillsystem geraten in den Hintergrund und man will einfach nur wissen, wie geht es weiter. Zur Epik der Handlung gesellen sich schließlich auch noch ein großartiger Soundteppich und eine hervorragende deutsche Synchronisation. Mit den verstorbenen Kameraden, aber auch den gesichtslosen Unbekannten, die im Krieg fielen und die nun Shepard in seinen Träumen heimsuchen, wird man noch tiefer in den Wahnsinn des omnipräsenten Schlachtens hineingezogen und verliert sich vollkommen in der apokalyptischen Szenerie.
Bei kaum einem anderen Spiel fällt es derartig schwer in wenigen Worten zusammenzufassen, welche Tugenden das Spiel auszeichnen und welche Fehler es mindern. Kurz und knapp wäre man versucht zu sagen: Hier ist der erste Kandidat auf den Titel „Spiel des Jahres 2012“. Trotz einiger kleiner Mängel ist Entwickler BioWare ein Kunstwerk gelungen, das in dieser Form einzigartig ist. So viele Emotionen, so viele Möglichkeiten, so viel Action, so viel Diplomatie, so viel Freundschaft, so viel Ehre, so viel Verzweiflung, so viel Krieg – „Mass Effect 3“ vereint all diese Dinge zu einem unglaublich packenden RPG-Shooter, der in dieser Form einzigartig und grandios ist.
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