Wrestling-Fans wissen: Die WWE selbst befindet sich mit der Rückkehr von „The Rock“ Dwayne Johnson im Umbruch, auch die Videospielreihe zum Sports Entertainment startet durch. Mit „WWE ’12“ geht THQ dabei nicht nur im Titel neue Wege. Hat das Spiel wirklich das Zeug zum Superstar? Diese Frage beantwortet unser Review.
Größer, härter, besser
Unter diese Schlagworte stellt THQ das neue Spiel, das eine legendäre Reihe auf die nächste Stufe heben soll. Die Wurzeln der Wrestling-Spielserie liegen im Jahr 2000 bei „WWF SmackDown!“ für die PlayStation und damit in einer Zeit, bevor das F nach einem Streit mit der Tierschutzorgasnisation verschwinden musste und einem E wich. Die Wrestler haben trotzdem weiter auf den Konsolen die Stiefel geschnürt.
In den nächsten zehn Jahren folgten elf weitere Spiele, bei denen der Name der TV-Show SmackDown stets im Titel zu finden war, bis zu „WWE SmackDown vs. Raw 2011“. Nun geht es mit dem knappen neuen Namen für die Reihe in eine neue Ära, die hoffentlich wieder so erfolgreich ist wie die Anfänge. Mit dabei ist mit der Road to WrestleMania eine Kampagne, die auf den Höhepunkt des Wrestlingjahres hinbaut. Zudem laden viele bekannte Namen in den Ring, darunter selbst der inzwischen ins MMA-Fach gewechselte Brock Lesnar:
Auf der nächsten Seite beschreiten wir die Road to WrestleMania!
Der alljährliche Höhepunkt des WWE-Kalenders ist die WrestleMania, die selbst in der Sports Entertainment-Welt der modernen WWE noch das „Wrestle“ im Namen tragen darf. Das Großereignis, meist Anfang April, bestimmt schon Monate im Voraus das Geschehen in den TV-Shows, im Hintergrund auch deutlich länger. Dem trägt die Einzelspieler-Story im Spiel diesmal voll Rechnung: Die Road to WrestleMania ist als Modus wieder da und erstreckt sich diesmal über volle 18 Monate. Zur Einstimmung darauf ein Trailer:
Wie Sie sehen, stehen im Kampagnen-Modus mit Sheamus als Bösewicht, Triple H als Außenseiter (vielleicht nicht die optimalste Übersetzung von Outsider) und einem selbst erstellten Neulings-Helden nur drei spielbare Superstars zur Auswahl. (Cover-Superstar Randy Orton dagegen ist nicht dabei, was auch etwas seltsam wirkt.) Damit nicht genug, gibt es bei der Road to WrestleMania immer wieder Szenen, die Sie auf eine vorgegebene Art bewältigen müssen – und wenn sie gleich zu Beginn als Sheamus John Cena hundertmal lieber bis zum Abwinken mit einen Stuhl verprügeln würden als ihn von einer Rampe zu werfen.
Streng genommen ist Road to WrestleMania damit realistischer als je zuvor: Im realen Wrestling spannen sich richtig gute Storylines auch über wirklich lange Zeiträume und fokussieren auf wenige Akteure – was im aktuellen Programm leider selten vorkommt – und dass es Showkämpfe zur Unterhaltung sind, die einem Skript folgen, wissen im Jahr 2011 auch schon die meisten Fans. Trotzdem: Im Videospiel sollte es doch eher darum gehen, dass Fans möglichst ihre Traumstory erzählen können – mit mehr Auswahl bei den Protagonisten und mehr Handlungsfreiheit. Aber gut, die bietet „WWE ’12“ in anderer Form.
Neben der Road to WrestleMania gibt es natürlich auch die Möglichkeit, im WWE Welt-Modus zu spielen – quer durch den Programmkalender, mit einer breiten Palette an Superstars und ganz nach dem realen TV-Vorbild oft mit Eingreifen von Außen und anderen fiesen Aktionen. Oder Sie wagen überhaupt ein freies Match. Da können Sie dann so richtig aus dem vollen Schöpfen, vom klassischen Mann gegen Mann über Tag-Team-Kämpfe mit unterschiedlichen Teamgrößen – auch Handicap-Matches sind dabei! – bis hin zu beinharten Spezialmatches wie TLC (Tables, Ladders, Chairs) ist fast alles möglich, was das Herz begehrt. Zudem stehen Ihnen von Beginn an über 40 WWE-Superstar als Kämpfer zur Verfügung, einige weitere können Sie freispielen.
Eine Spur zu kurz kommen vielleicht Fans wrestelnder Frauen. Zum einen fehlt nach wie vor die beliebte Match-Variante Bra & Panties (vermutlich dem US-Rating geopfert, bei USK 16 sollte es kein Problem sein), zudem sind gerade einmal sechs Damen von Anfang an spielbar. Immerhin: Es ist bereits ein Divas-Downloadpack für Dezember angekündigt, mit dem Sie die Auswahl fast verdoppeln können, die legendäre Trish Stratus ist dann auch mit dabei. Oder Sie versuchen sich einfach darin, eine paar eigene Diva zu erstellen – oder wahlweise natürlich auch männliche Superstars.
Eigener Content ist ohne die Stärke des Spiels: Wenn Sie einen Charakter erstellen, können Sie leicht ein, zwei Stunden am perfekten Aussehen für jede Gelegenheit feilen. Dazu kommt die Möglichkeit, Ihr Moveset individuell anzupassen, inklusive eigenem Finisher – an dem Sie in einem eigenen Editor bis zur Perfektion feilen können (z.B. auch für eine möglichst flüssige Animationssequenz). Ein eigenes Eingangsvideo darf auch nicht fehlen! Obwohl Sie so an einem einzigen selbst erstellten Superstar schon Stunden basteln können, ist das nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, was die Möglichkeiten des Editors betrifft.
Wollen Sie in einer selbst erstellten Arena die 90er-Glanzzeit der ECW wieder auferstehen lassen? Dann versuchen Sie doch, im neuen Creat an Arena-Modus den legendären Hammerstein Ballroom umzusetzen. Oder machen Sie sich daran, Wrestling-Legenden aus den 80ern umzusetzen und lassen Sie die dann in einem Ring im klassischen WWF-Look antreten. Gestalten sie eigene Fanschilder, mit dem das virtuelle Publikum ihre Superstars anfeuert. Und wenn Sie damit fertig sind, spielen Sie doch auch mal wieder eine Runde – am besten mit Freunden.
Wie es sich allein oder gemeinsam so spielt, sagen wir Ihnen auf der nächsten Seite.
Die letzten Teile vor dem aktuellen Relaunch der Reihe haben nicht jedem zugesagt, wofür das Kampfsystem und die Steuerung mitverantwortlich waren. Zu kompliziert waren die vielen Griffe, Würfe, Konter und so weiter insbesondere für Neueinsteiger. „WWE ’12“ hat da aufgeräumt, die Steuerung und das Gameplay sind arcadelastiger ausgefallen. Das wird nicht allen Serienfans behagen, ist aber insgesamt eine gut Sache: Das Spiel wird damit zugänglicher, was aber nicht unbedingt leichter bedeutet. Beispiel: Für Konter reicht in den meisten Fällen ein wohlgetimtes Drücken auf RT, aber bis Sie da wirklich den Bogen raus haben, kann es schon etwas dauern. Der Vorteil: Mehr spektakuläre Angriffsketten statt große Konterschlachten.
Wenngleich Sie Schläge einfach mit der X-Taste und Griffe mit A ausführen wird auch das nicht langweilig: Noch den linken Stick antippen, das Spiel variiert damit die genaue Aktion gemäß dem Moveset des jeweiligen Charakters. Einziges Manko ist, dass Sie nicht wirklich genau beurteilen können, ob Sie für Schläge oder Griffe nah genug am Gegner stehen und daher öfter als nötig Fliegen und dann natürlich eine böse Retourkutsche fangen. Mit der Zeit bekommen Sie aber auch dafür ein besseres Gefühl und außerdem: Menschliche Gegner haben mit genau dem gleichen Problem zu kämpfen.
Let's get ready to Ruuuuumble!
Nein, der legendäre Michael Buffer ist nicht mit von der Partie, hoffentlich aber einige Ihrer Freunde. Meine Kollegen haben sich ja schon auf der Game City ausgetobt (im Extreme Rules-Mazcgh!) und wenn Sie nicht gerade auf der Jagd nach freischaltbaren Goodies und Erfolgen sind, macht „WWE ’12“ wie praktisch jedes Kampfspiel Mano-a-mano doch mehr her. Schon allein, weil Sie Ihren cool designten Superstar in der eigenen Arena ja auch irgendwem vorführen wollen!
Gerade im Multiplayer sind natürlich diverse Tag-Team- oder Massen-Matches wie ein Royal Rumble Trumpf, damit wirklich alle aktiv werden können. Immerhin dürfen lokal bis zu vier, online theoretisch sogar acht Spieler antreten. Ob die dann wirklich gleichzeitig im Ring stehen, ist allerdings eine andere Frage …
Leider konnten wir keine Acht-Spieler-Partie antesten, aber es werden wohl nie alle acht Wrestler gleichzeitig im Ring stehen – die Engine kommt offenbar nur mit sechs dargestellten Charakteren klar. (Vielleicht leert sich der Ring deshalb bei einem Royal Rumble immer so viel schneller als im TV-Vorbild?) Das ist eine Talsohle der optischen Präsentation, die aber auch echte Höhen zu bieten hat. Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Arenen – übrigens auch akustisch – richtig voll mit Publikum wirken, was bekanntlich bei Sportspielen noch längst kein Standard ist. Okay, die Besucher selbst sind nur mäßig gut dargestellt, aber wenigstens gibt es sie!
Auch die Animationen wirken großteils stark; und wenn es hakt, liegt es häufig nicht an der Grafik selbst. In einem Mehrpersonen-Match kann es schon vorkommen, dass das Spiel einen anderen Gegner als Ziel auswählt, als man angreifen möchte – dann wirken die Bewegungen einfach seltsam. Wirklich gelungen sind indes die Eingangssequenzen der bekannten Superstars, bis auf ein kleines, aber nicht ganz unwichtiges Detail: Sie stapfen mir gar hölzerner Miene die Rampe herunter, etwas mehr Gesichtsmimik würde den Gesamteindruck nochmals klar aufwerten. An sich erinnert „WWE ’12“ nämlich schon sehr an eine TV-Übertragung.
Beim Sound gibt es wenig Grund zur Klage. Das bereits erwähnte Gefühl eines großen Publikums, die bekannten Musik-Themen der einzelnen Superstars, und der begleitende Audiokommentar kommt dankenswerter Weise von den kultigen US-Sprechern statt den etwas faden aus dem deutschen TV. Das einzige Problem kennen Sie aus Sportspielen: Die Kommentare wirken teils völlig zufällig und unpassend – spätestens, wenn beim Steigen über das Ringseil irgendwas über den tollen Angriff kommt.
Fast perfekt dabei
Insgesamt kommt bei „WWE ’12“ schon richtig Wrestling-Atmosphäre auf, da die Matches mit Eingangssequenzen, Audiokommentar und einem wirklich hörbaren – wenn auch nicht restlos ansehnlichen – Publikum schon sehr an das erinnern, was man aus dem TV kennt. Und doch ist definitiv noch Luft nach oben: Speziell besser animierte Gesichter und treffsicherere Kommentare würden ein noch mitreißenderes Spielerlebnis und tieferes Eintauchen ins WWE Universum bedeuten.
„WWE ’12“ ist definitiv ein Schritt nach vorne für die Videospielreihe: Die arcade-lastigere Steuerung macht den Titel zugänglicher, die Vielfalt an Superstars gefällt und die vielfältigen Möglichkeiten, eigenen Content zu erstellen, sind einfach der Wahnsinn. Allerdings ist selbst kreativ werden nicht jedermanns Sache, viele Gamer wollen einfach spielen. Und die größte Schwäche ist mit der zu einschränkenden Road to Wrestlemania ausgerechnet die Einzelspieler-Kampagne. Das muss ich mit hölzerner Miene – ganz nach dem Ingame-Vorbild der Superstars – zur Kenntnis nehmen und es kostet klar den Gold-Award. Schade: Abgesehen davon bietet das Spiel nämlich wirklich massig Wrestling-Stimmung und ist somit ein Pflichtkauf für WWE-Fans.
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