Strand, Palmen und karibische Klänge – die perfekte Art, dem nahenden Winter zu entkommen. Oder aber das ideale Setting für eine wohlgeplante Machtergreifung. Ja, genau: El Presidente ist zurück! In „Tropico 4“ gilt es wieder einmal, das Volk glücklich und/oder Ihr Schweizer Konto voll zu machen. Utopischer Spielgenuss oder reine Ausbeutung? Diese Frage stellt sich nach dem PC nun auch auf der Xbox 360.
Jawohl, El Presidente!
Der vierte Teil der „Tropico”-Serie setzt aufs bewährte Spielprinzip: Sie haben es – mit welchen Mitteln auch immer – geschafft, die Herrschaft über einen Inselstaat zu übernehmen. Ob in der Rolle historischer Personen von Evita Peron bis Fidel Castro oder mit einem selbst gestalteten Avatar: Sie machen sich daran, nun zum Wohle des Volkes zu regieren, so jedenfalls die offizielle Diktion. Sicher können Sie das wirklich ernst meinen, aber mal ehrlich: Wäre das wirklich im Sinne Ihres Schweizer Bankkontos?
Am Grundprinzip hat sich gegenüber dem Vorgänger „Tropico 3“ nichts geändert: Sie lenken die Geschicke Ihres Inselstaates. Ob im Rahmen der 20-teiligen Kampagne oder im Sandkasten-Modus, zunächst stehen praktisch immer Landwirtschaft und Rohstoffabbau im Vordergrund. Dann folgen gewinnbringende Industrie oder Tourismus-Einrichtungen, jedenfalls sorgen Sie derart für Arbeit für das Volk. Außerdem bringt das Profite und als guter Präsident werden sie schon die richtigen Mittel finden, um diese in Wohlstand (auf Ihrem Schweizer Konto) umzulegen – ein realitätsnah korruptes Bankwesen zum Beispiel.
Wer keine Rebellion riskieren will, wird mit unprofitablen Maßnahmen wie Kirchenbauten und Krankenhäuser auch auf die Volkszufriedenheit achten. Investitionen in die innere Sicherheit schaden auch nie, nur für den Fall, dass der Pöbel wagt Unmut zu äußern. Als El Presidente können Sie freilich auch Erlässe verabschieden, um die Wirtschaft anzukurbeln, das Militär zu begeistern und mehr. Hier gibt es eine wichtige Veränderungen gegenüber dem Vorgänger: Sie brauchen erst mal einen Ministerrat mit schönem Gebäude und (hoffentlich) fähigen Köpfen. War es im dritten Teil der Serie all zu leicht, anfangs mal eben ein paar nützliche Dekrete zu verabschieden und somit die Partie schon halb in der Tasche zu haben, muss man in „Tropico 4“ etwas mehr mitdenken.
Generell gibt es diesmal einige Gebäude mehr auf Ihrer Insel zu errichten, ob nun in der Kategorie Rohstoffabbau (Salzmine), Ökoenergie (Windrad) oder teure Unterhaltung (Hochschaubahn). Selbst ein Luxuskreuzer vor der Küste mit geldverschwenderischen Touristen ist mit von der Partie. Im Gegensatz zu „Tropico 3“ müssen Baupläne vieler höherwertiger Gebäude aber erst einmal gekauft werden, wodurch Sie diesmal etwas umsichtiger haushalten müssen. Das gilt übrigens auch in Sachen Außenhandel, da jetzt auch Importe möglich sind.
Wie gewohnt erfordern höherwertige Tätigkeiten wie etwa Fabriksarbeit oder regimetreuer Journalismus qualifizierte Kräfte mit höherer Ausbildung. Da es diesmal auch eine Grundschule gibt, gewinnt der rechtzeitige Aufbau des Bildungssystems an Bedeutung. Wichtig für die Entwicklungshilfe sind wieder die Beziehungen zu den Großmächten USA und UdSSR, allerdings können Sie sich diesmal auch an die EU, China und den Nahen Osten anbiedern (oder ihnen den politischen Stinkefinger zeigen).
Die „Tropico 4“-Kampagne wartet Missionen recht unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades auf. Gerade anfangs müssen geübte Strategen schon praktisch gegen sich selbst arbeiten, wenn sie eine echte Herausforderung suchen. Etwas später warten dann aber Nüsse, die für Einsteiger kaum beim ersten Versuch zu knacken sind. Im Prinzip ist eine gute Mischung, doch könnte die Lernkurve für Neulinge ruhig etwas glatter ausfallen.
Palmen und Radio-DJs
Rein optisch ist „Tropico 4” dem Vorgänger sehr ähnlich, was grundsätzlich gut so ist. Immerhin hat der Karibik-Look schon bei „Tropico 3“ gut gepasst, daran groß herumzubasteln wäre leichtsinnig. Ein paar Nachbesserungen bei den Texturen dürfen es aber schon sein, und die gibt es auch – wobei am TV-Bildschirm allerdings etwas der Eindruck entsteht, dass die Entwickler nicht immer daran gedacht haben, wie die Grafik auf großformatigen Geräten wirkt. Erfreulich einige neue Details, beispielsweise Feldwegoptik statt immer nur asphaltierte Straßen – das ist bei entlegenen Farmen einfach stimmungsvoller.
Eine gerade auf der Xbox 360 auffallende Neuerung gibt es beim Sound. Da „Tropico 3: Absolute Power“ nur für den PC erschienen ist, kommen Konsolenspieler wirklich zum ersten Mal in den Genuss des neuen Radio-DJ-Teams. Der brave Radio-DJ Juanito hat weibliche Gesellschaft bekommen, was bei den spielbegleitenden Kommentaren für merklich mehr Abwechslung sorgt. Kollegin Sunny Flowers ist zudem eher regimekritische Öko-Aktivistin, was sehr gut zur etwas stärkeren Betonung von Umweltbelangen im Gameplay passt. In Sachen Musik setzt auch der aktuelle Teil der Serie auf eine Berieselung mit Latino-Klängen – genau richtig.
Drücken Sie viele Knöpfe
Die Achillesferse von „Tropico 4“ auf der Xbox 360 ist die Steuerung. Denn an die Maussteuerung der PC-Version kann sie einfach nicht herankommen, das liegt in der Natur von Aufbaustrategie-Spielen. Einfach mal ein Gebäude oder Menü anwählen, Mauszeiger über die richtige Option, Klick, fertig ist mit einem Controller nicht. Damit will ich aber nicht sagen, die Steuerung von „Tropico 4“ sei schlecht – im Gegenteil, für Konsolenverhältnisse ist sie sehr passabel. Das Spiel nutzt die beiden Sticks immerhin toll für eine Kameraführung, die schon fast an die freie Bewegung mit der Maus heran kommt.
Aber dann geht es an. Steuerkreis über ein Gebäude, eine Person oder ein Ereignis bewegen, Optionen per Tastendruck – welche, hängt von Ziel und gewünschter Aktion ab – aufrufen. Oder mit einer von mehreren unterschiedlichen Optionen eines der Spielmenüs aufrufen. Dann je nachdem, was man machen will und was für ein Popup man daher offen hat mit Steuerkreuz oder Stick oder Schultertasten navigieren, und so weiter. Bis auf die Tatsache, dass unterschiedliche Navigationsvarianten in verschiedenen Menüs etwas verwirrend sind, ist das Ganze so funktional, wie es der Controller hergibt. Der ist einfach keine Maus und hemmt somit den Spielfluss.
Wenig überraschend geht es bei „Tropico 4“ grundsätzlich im Alleingang zur präsidialen Sache. Wer will schon Mitregenten? Wie schon beim Vorgänger gibt es ein Online-Leaderboard und die Möglichkeit, online Herausforderungen zu erstellen oder zu spielen. Damit können Spieler zumindest vergleichen, ob es andere auf der gleichen Insel und unter den gleichen Voraussetzungen mehr Wohlstand für das Volk, internationales Ansehen und vor allem Geld in der Schweiz bringen. Ein waschechter Multiplayer-Modus fehlt aber.
Karibische Anachronismen
Never change a winning recipe: Die Optik, der Sound und das Thema vom raffgierigen Potentaten – pardon, ich meinte natürlich, erleuchteten Anführer, El Presidente! – passen wieder perfekt zusammen. Einen kleinen Haken hat die Sache aber, nämlich Anachronismen wie 40-Megawatt-Windturbinen auf einer Karibikinsel Anfang der 1950er. Allerdings sind solche historische Ungenauigkeiten ein Preis, den man im Strategiegenre oft für guten Spielfluss und ein unterhaltsames Erlebnis zu zahlen hat – Stichwort „Civilization“. Mich stört da mehr, dass mit Controller statt Maus einfach nicht der gleiche Spielfluss zustande kommt.
Wer schon „Tropico 3“ kannte, wird sofort bemerken, dass etwas mehr Spieltiefe an genau den richtigen Stellen das Führen eines Inselstaates im aktuellen Spiel noch interessanter macht. Neueinsteiger wiederum dürfen das einzigartige Flair des Titels genießen, werden aber wohl über die etwas harte Lernkurve stolpern. Wenn Sie einen PC haben, sollten Sie freilich die entsprechende Version des Spiels in Erwägung ziehen – Maus schlägt einfach Controller. Andernfalls: Ja, El Presidente, Sie sollten die Macht in „Tropico 4“ an sich reißen!
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