Mit „Forza Motorsport 4“ heißt es für Racing-Fans auf der Xbox 360 Vollgas geben, wir durften in der Redaktion bereits testen, wie sich die Releaseversion des Titels macht. Zwar darf man dabei auch in Kleinwagen steigen, doch erwarten wir uns einen Renner von Ferrari- oder Lamborghini-Klasse. Ist das Spiel wirklich so abgefahren? Das beantwortet unser Review.
Abgefahrene Neuerungen
Klar verspricht „Forza Motorsport 4“ wieder bestes Racing in kleinen, feinen Fahrzeugen ebenso wie in richtig PS-mächtigen Top-Rennboliden. Doch dazu kommen viele Neuerung, etwa die neue Physik-Engine und eine Kinect-Unterstützung für Sprachnavigation, Headtracking oder auch Autovista – ein Feature, mit dem sich Spieler die Boliden genauer ansehen können. Dazu hier ein Beispielvideo:
Das ist eine Frage, die sich der Spieler beim Einstieg stellen muss Denn wenngleich eine große Rennfahrer-Karriere von kleinen Amateur-Rennen bis in den Motorsport-Olymp ihren Reiz hat, ist für das schnelle Spiel zwischendurch natürlich ein Einzelrennen attraktiv. Das ist sogar mit Kinect-Steuerung möglich, als probieren wir das doch gleich. Im Stehen oder Sitzen mit virtuelles Lenkrad steuern, okay. Selbst Gas geben oder Bremsen? Offenbar nicht. Schadensmodell? Offenbar auch nicht. Ein Rennen nach drei Dutzend Leitplanken- und Fahrzeugberührungen gewinnen? Das klappt. Kinect-Racing ist hier definitiv ein Fun-Gimmick.
Interessanter ist das bereits illustrierte Autovista. Einfach per Bewegung ein Fahrzeug umrunden, die Tür oder die Motorhaube öffnen, sich genauer im Motorraum umsehen, dann einsteigen, hupen, starten, hey! Es gibt Autovista-Herausforderungen in Form – entsprechend einfacher – Kinect-Rennen, mit denen man zusätzliche Modelle für Autovista freischalten kann. Auch ein Gimmick, aber ein richtig nettes für Fans PS-starker Topmarken, denn Autovista ist schon eine coole Art, sich heiße Boliden mal näher anzusehen.
Wenn es aber ans Recing geht, heißt es dann doch: Her mit dem Controller. Denn den Karrieremodus gibt’s überhaupt nur mit klassicher Controller-Steuerung. Kein Wunder, immerhin muss man selbst bei total runtergeschraubtem Schwierigkeitsgrad noch selber Gas geben, um vom Fleck zu kommen. Was echten Rennsportlern freilich nicht reicht, die werden da ordentlich nachlegen, entweder mit einem hohen Standard-Schwierigkeitsgrad oder auch ganz persönlich getunten Einstellungen. Simulations-Schadensmodell, aber trotzdem Bremshilfe und voll vorgezeichnete Ideallinie? Wer will, kann auch so auf die Strecke gehen – und wird dank genialer Physik-Engine genau den Grad an Realismus bekommen, den er gewählt hat.
Im Karrieremodus gilt es erst einmal, in einem kompakten, kleinen Fahrzeug – aus einer sehr realistisch großen Auswahl eher alltagstauglicher Autos – in Amateurbewerben Erfahrung zu sammeln, die ersten der gut zwei Dutzend Strecken im Spiel kennenzulernen und ein wenig was für Tunings dazuzuverdienen. Im weiteren Verlauf einer Karriere gilt es natürlich, sich hochzuarbeiten und irgendwann in wahren PS-Monstern der Konkurrenz nur den Auspuff zu zeigen.
Freilich gibt es auch mit Controller-Steuerung die Möglichkeit, schnelle Einzelrennen bei freier Fahrzeugwahl zu bestreiten. Das erlaubt nicht zuletzt dank der riesigen Fahrzeugauswahl, bei der man leider entsprechend oft auf die zweite Spieldisc zurückgreifen muss, realistische Szenarien ebenso wie leicht skurille. Ein Hammerfeeling,im aktuellen Audi auf dem Kurs von Le Mans ähnlich irre Überholmanöver zu versuchen wie Allan McNish; und wenn man im DeLorean DMC-12 durch die Schweizer Berge kurvt, fühlt man sich schon ein wenig wie Marty McFly oder Doc Brown …
Brüllende Boliden
Ich kann mich nur dem Anschließen, was meine Kollegen schon bei Vorschauversionen gesagt haben: „Forza Motorsport 4“ sieht richtig gut aus und hört sich auch so an. Ob straßentaugliche rote Renner von Ferrari, silbrig lackierte Geschoße nur für Rundkurse oder auch mein niedlicher kleiner blauer Ford Ka für den Amateur-Start in die Rennkarriere, alle sind gut gelungen, nur die Texturen eine Spur zu glatt. Dabei gibt es sehr wohl auch einiges an Detail – wobei letzteres im Adrenalinrausch des Rennens leider erst so richtig auffällt, wenn man im Replay all die Schäden sieht, die eine all zu rücksichtslose Fahrweise so mit sich bringen.
Schade nur, dass ausgerechnet bei Autovista die Fahrzeuge in einer eher schmucklosen Umgebung stehen. Da wäre endlich mal Zeit, auch die Landschaft in Ruhe zu bewundern. Denn die ist ebenfalls sehr gelungen, bis auf einem Sportspiel-typischen Makel: So leer wirken etwa die Tribünen im echten Le Mans selbst im Training nicht … Dafür entschädigt aber das schön realistische Brüllen (naja, beim Ka nicht unbedingt brüllen, aber Sie wissen schon) der Motoren, gerade für Spieler mit Bezin im Blut ein wichtiger Faktor.
Gimmick vs. Kontrolle
Wie schon angesprochen unterstützt „Forza Motorsport 4“ sowohl Kinect als auch Controller. Ersteres ist aber, das muss man klipp und klar sagen, ein Gimmick. Ein echtes Racing-Erlebnis beim Kinect-Rennen aber nicht gegeben. Ungefähr so schwer wie „Kinect Joy Ride“ (gar nicht), nur dass man dort wenigstens noch das Gasgeben und Bremsen merklich beeinflussen konnte. Aua. Hätten sich die Entwickler auf die gelungenen Kinect-Zusatzfeatures wie das wirklich beeindruckende Autovista oder die Möglichkeit, per Headtracking in den Rückspiegel zu blicken, beschränkt, wäre der Gesamteindruck noch besser.
Mit dem Controller ein ganz anderes Bild, hier wird je nach Einstellungen Gas gegeben, selbst geschaltet und auf Wunsch sogar gekuppelt. So kann sich jeder die Steuerung genau an seinen bevorzugten Spielstil anpassen, mit großen Hilfen oder auch komplett ohne. Letzteres würde ich mit einem Standardcontroller eher nur Profis empfehlen, der Stick reagiert nämlich für meinen Geschmack beim Steuern einen Tick zu empfindlich – Anfänger sind da ohne Hilfen schnell verloren. Ich hätte gern zum Vergleich auch das zeitgleich mit „Forza 4“ erscheinende und darauf optimierte Wireless Speed Wheel zum Vergleich probiert, leider hat das aber nicht den Weg in unsere Redaktion gefunden.
Sowohl mit Kinect als auch Controller können lokal zwei Spieler im Spiltscreen-Modus gegeneinander antreten. Dabei gilt gewohntes: Direkte Duelle mit Freunden machen mehr Spaß als nur gegen KI und Uhr zu fahren, die Frage ist, ob der Fernseher groß genug ist bzw. einem die Splitscreen-Darstellung zusagt. Online gehen theoretisch auch Rennen gegen bis zu 15 Gegner, in der Praxis hatten wir leider das Problem, dass beim Test keine Gegner verfügbar waren. Das wird sich mit dem Release am 14. Oktober aber sicher schnell ändern.
Atmosphäre
Dutzende Hersteller, hunderte Fahrzeuge, fast 30 Rennstrecken, was will der Racing-Fan mehr? Dass es auch richtig gut aussieht und wirklich nach Rennen klingt, und damit kann „Forza Motorsport 4“ dienen. Aber es ist noch Luft nach oben, wie bei so vielen Sportspielen mangelt es etwas beim Publikum und damit der echten Wettbewerbsstimmung. Für mich ist ein atmosphärisches Highlight freilich auch Autovista. Da kommt nämlich das Gefühl auf, dass man als Kunde mit richtig viel Budget in einem Showroom ganz in Ruhe Topfahrzeuge im Detail inspizieren kann. Kaufen ist dabei zwar nicht, aber ein Abstecher auf die Strecke – das muss reichen.
„Forza Motorsport 4“ bietet ein tolles echtes Rennvergnügen für Controller-User, legt sich aber mit einem schwachen Kinect-Rennmodus ein kleines Ei. Dafür entschädigen andere Kinect-Features. Die virtuelle Fahrzeuginspektion Autovista ist ein Highlight, mit dem die Macher das große Potenzial des Kinect-Sensors als Zusatz- statt Kernfeature aufzeigen. Es gibt zwar ganz kleine Macken, aber eine geniale Physik-Engine, starke Optik und eine unglaubliche Fülle an Fahrzeugen machen „Forza Motorsport 4“ zum Pflichtkauf für Racing-Fans mit Xbox 360.
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