Mit „Red Orchestra“ hatte Tripwire Interactive einen im Zweiten Weltkrieg spielenden Shooter hervorgebracht, der sich ein wenig zum Geheimtipp für Fans realistischeren Gameplays gemausert hat. Demnächst erscheint mit „Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad“ der Nachfolger, den wir auf der gamescom etwas ausführlicher anspielen konnten. Ob dieser bei Genre-Fans einschlagen könnte wie eine Granate, lesen Sie in unserem Preview.
Wahre Helden
Hintergrund des Spiels ist wie der Name schon andeutet die Schlacht von Stalingrad, ein entscheidender Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Denn hier kam nicht nur der anfangs klare Vormarsch der deutschen 6. Armee zum Erliegen, die Rote Armee konnte den Feind letztlich vernichtend schlagen. Dass für die Sowjets die eigenen Mannen Helden waren, ist somit klar; doch auch das Dritte Reich hat die schwere Niederlage als „heldenhaften Opfergang“ verkauft. Gerade in Deutschland also ein heikles Thema, wenn Spieler in die Rolle von Wehrmachtssoldaten oder Mitgliedern der Roten Armee schlüpfen.
Das Entwicklerstudio Tripwire hatte 2006 mit „Red Orchestra“ einen im zweiten Weltkrieg spielenden Shooter hervorgebracht, der sich ein wenig zum Geheimtipp für Fans realistischeren Gameplays gemausert hat.
Realismus purBeim Preview galt es, im normalen taktischen Multiplayer in die Rolle eines deutschen Gruppenführers zu schlüpfen. Zwar mussten ich dabei mit KI-Gegnern vorlieb nehmen, doch das hatte durchaus seine Vorteile. Denn Tripwire hat großen Wert auf Realismus gelegt, an die vielen Möglichkeiten im Spiel muss man sich erst gewöhnen. Schon allein die Fortbewegung: aufrechten Ganges, geduckt oder doch lieber durch den Dreck robbend? Erst mal schnellen Schritts auf zum nächsten umkämpften Gebäude – und dort prompt unter eine kleine Brücke geduckt im Hinterhalt gelauert.
Perfekt, zwei Russen laufen mir ahnungslos vor das Maschinengewehr und haben keine Chance! Doch halt, von irgendwo her pfeifen plötzlich Kugeln um meine Ohren. Noch mal Glück gehabt, aber besser Kopf runter und weg hier. Ein anderes Gebäude angesteuert, um mir ein paar Squad Leader-Funktionen anzusehen. Waffenwechsel auf das Fernglas, eine feindliche Stellung ausgemacht und markiert. Jetzt heißt es auf zum nächsten Funkgerät, um einen Artillerieangriff anzufordern. Aber Vorsicht, bei den vielen Fenstern kann ein guter Scharfschütze einem den Tag leicht vermiesen...
Es hat geklappt! Also mit vollem Tempo auf zum Sturm. Blöde Idee, wieder einen Gegner in der Deckung übersehen. Zum Glück hat einer meiner Mitstreiter schneller geschossen als der Gegner, sonst wär es das gewesen. Dünne Holzwände sind eben kein guter Schutz, da gehen MG-Kugeln durch wie das warme Messer durch die Butter. Gebäudeeingang, wo ist meine Verstärkung? Egal, rein. Wo sind nur die Gegner? Treppe hoch, da tut sich offenbar was. Durch eine Tür, da schaut schon ein verdutzter Russe in mein Mündungsfeuer. Noch einer! Draufhalten und...
… naja, ich hätte wohl doch den Türrahmen als Deckungspunkt fixieren sollen und erst mal blind eine Granate den Gang entlang rollen lassen. Erklärt mir der Entwickler. Aber für den ersten Versuch war es gar nicht so schlecht, immerhin hab ich rechtzeitig nachgeladen und ein paar Kills angesammelt. Dazu, in einen Panzer zu steigen, bin ich aber leider nicht mehr gekommen – dabei dürfen Spieler bei „Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad“ auch mit solch schweren Geschützen auffahren.
Immerhin ein paar Honor-Punkte hat der Kampf gebracht. Die sollen nach Release wichtig für das Aussehen des eigenen Charakters sein, der sich vom Jungspund zum vernarbten Veteranen mausert. Außerdem wird das Honor-Level beeinflussen, auf welche Multiplayer-Server man kommt. Das soll Neulingen die Möglichkeit bieten, nicht unbedingt gegen Elitesoldaten anzutreten. Die erfahrensten Spieler werden als vorbildliche Helden zudem Boosts für ihre Teamkameraden bringen – oder Verzweiflung, so sie fallen.
Das Thema des Spiels gibt die Optik vor: Eher gedeckte Farben und viele, mehr oder weniger stark in Mitleidenschaft gezogene Gebäude schaffen die richtige Umgebung für die Schlacht von Stalingrad. Weiteres Realismus-Plus: Selbst die Panzer kommen eher verstaubt-abgekämpft als fabriksneu strahlend daher. Also nichts für Freunde strahlender Helden, aber echter Krieg ist eben nicht schön – sondern hier grafisch passend umgesetzt. Dazu kommt eine Soundkulisse geprägt von den Klängen der Schlacht von MG-Feuer bis hin zum Einschlag von Artilleriefeuer, die ruhig noch einen Tick mehr hergeben könnte.
Wie gewohnt – und mehr
Die grundlegende Steuerung ist ein Shooter-Klassiker. Die WASD-Tasten zum Bewegen, Ziffern-Waffenwahl, die Maus für die Kameraführung und per Maustaste losballern. Das hat jeder schnell raus, schwieriger ist die Menge an Zusatzfuktionen. Ducken, robben, Deckung fixieren, Interaktion mit Objekten und mehr – da läppert sich einiges zusammen. Wer eher seichte Shooter-Kost gewöhnt ist, wird sich also richtig einarbeiten müssen.
Singleplayer!
Das der Titel sehr viele Optionen bietet, weiß auch Tripwire. Deswegen gibt es diesmal eine Singleplayer-Kampagne, um insbesondere Neueinsteiger gemächlicher an die Steuerung heranzuführen. Das konnte ich zwar noch nicht ausprobieren, aber schon die Missionstitel klingen vielversprechend – so kommt das Panzerfahren offensichtlich erst an die Reihe, wenn man als Fußsoldat zu überleben gelernt hat.
Dank einer absolut passenden Optik und einem Hang zu Realismus bis ins letzte Detail fühlt man sich bei diesem Titel durchaus nach Stalingrad versetzt. Wenn einen dann auch noch gegnerisches Feuer unerwartet knapp verfehlt, zieht man reflexartig wirklich den Kopf ein und will da nur noch raus – was in letzter Konsequenz genau das Gefühl ist, das ein Kriegs-Shooter auslösen sollte.
Zusammenfassung
„Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad“ sieht nach einem Titel aus, der Genrefans mit seinem Realismus und seiner Spieltiefe beeindrucken wird. Freilich bleibt abzuwarten, wie stark der Titel angesichts von Gewaltdarstellung und Weltkriegs-Thematik in Deutschland an der USK „vorbeigeschnitten“ werden muss – davon, dass das nötig ist, gehen die Macher leider fix aus. Solang sich am Gameplay an sich nichts ändert, sollten Freunde anspruchsvoller taktischer Shooter-Kost dennoch auf ihre Kosten kommen.
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