Die Zeit des Kalten Krieges war sicher nicht die gemütlichste, jetzt bringt sie „Supreme Ruler: Cold War“ zurück auf den Bildschirm. Wir haben uns der Verantwortungen eines Staatsoberhauptes angenommen und das Echtzeit-Strategie-Game für Sie getestet.
Story
Im April 1949 wurden die drei Westzonen zur Bundesrepublik Deutschland vereint und das westliche Militärbündnis NATO gegründet. Die UdSSR zogen mit der bereits vorbereiteten Gründung der Deutschen Demokratischen Republik gleich. Damit war die Teilung Deutschlands und Europas besiegelt und die bipolare Weltordnung zementiert. Ebenfalls 1949 zündete die Sowjetunion ihre erste Atombombe. In China gelangten die Kommunisten unter Mao Zedong an die Macht, daraufhin verstärkten die USA ihre Eindämmungspolitik. Sie erkannten die neue chinesische Regierung nicht an, verweigerten der Volksrepublik China die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen und unterstützten Japans Entwicklung zu einem antikommunistischen Gegenpol. Ihre auch für die NATO verbindliche Militärstrategie basierte bis 1954 auf der Drohung mit „massiver Vergeltung an Orten und mit Mitteln eigener Wahl“ für jeden nicht näher definierten kommunistischen Expansionsversuch. Damit verfolgten die USA nun offen eine Politik des roll back, das heißt ein Zurückdrängen des Staatskommunismus in Eurasien.
In diesem Abschnitt des Kalten Krieges beginnt „Supreme Ruler: Cold War“ und versetzt den Spieler somit mitten in den Beginn des Wettlaufs um den ersten Mann am Mond, um die atomare Vorherrschaft und in eine Ära unterkühlter Diplomatie und des ewig drohenden dritten Weltkrieges.
„Supreme Ruler: Cold War“ bietet zwar einen Sandkastenmodus, der wohl eine Art Tutorial darstellen soll. Das Problem hierbei ist, dass es keine Anleitung gibt, sondern der Spieler auch in diesem Modus alles selber herausfinden muss. Warum beginne ich mit diesem Punkt? Nun, das Echtzeit-Strategie-Monster ist derart umfangreich, komplex und allumfassend, das eine mehrstündige Einschulung wohl nicht ausreichen würde, um das Spiel in seiner Gänze zu erfassen. Es empfiehlt sich zu Beginn eine langsame Spielgeschwindigkeit zu wählen. Denn die Fülle an Aufgaben, die auf das angehende Staatsoberhaupt zukommen, würde ansonsten den talentiertesten Diplomaten überfordern. Alle Fäden des Staatswesens - Diplomatie, Wirtschaft, Industrie, Forschung, Landwirtschaft und vieles mehr - laufen beim Spieler zusammen und verlangen Computer-Generälen und PC-Präsidenten alles ab. Der Umfang verblüfft in sämtlichen Belangen und lässt den Spieler in ungeahnte Tiefen der Verstrickungen des Kalten Krieges eintauchen. Und so ganz nebenbei gilt es noch ein Land am Laufen zu halten. Herausfordernd!
Grafik und Sound
Kommen wir nun zur Schwachstelle von „Supreme Ruler: Cold War“: der Grafik. Wenig zeitgemäß erinnert die optische Umsetzung einem Relikt aus besagtem Kalten Krieg und verbreitet so zwar einen gewissen Retro-Charme, kann aber mit ähnlichen aktuellen Releases grafisch nicht mithalten. Dazu kommen teilweise unscharfe beziehungsweise unkorrekte Landesgrenzen und eine lieblos gestaltete Landschaft, in die man zwar sehr weit hineinscrollen kann, dort dann aber wenig positive Überraschungen vorfindet. In punkto Userinterface wäre ebenfalls deutlich mehr möglich gewesen, beschränkt man sich hier auf wenig schöne Menüs und unansehnliche Popups. Der Spielsound hingegen überzeugt durch schlichte, aber stimmige Untermalung und gibt wenig Anlass zur Kritik.
Gesteuert wird, wie in den meisten Strategiespielen, mit der Maus. Hat man sich einmal die Tage, Monate, Jahre Zeit genommen, um „Supreme Ruler: Cold War“ in seiner gesamten Fülle zu erfassen und die Menüführung zu studieren, steht weiteren Tagen, Monaten, Jahren mit dem Spiel nichts im Weg. Der Weg dorthin gestaltet sich jedoch steinig und wird den einen oder anderen mit Sicherheit an den Rand der Verzweiflung treiben. Geduld ist hier wohl die oberste Prämisse und gehört genauso zum Rüstzeug eines guten Staatsoberhauptes wie taktisches Verständnis und ein Ohr für sein Volk.
Im Multiplayer-Modus bietet sich die Möglichkeit zum einen über das Internet oder zum anderen über ein lokales Netzwerk mit insgesamt 16 Spielern den Kalten Krieg wieder aufleben zu lassen. Ob man so viele Begeisterte findet, die sich dem stundenlangen Lenken des Staatsgeschicks hingeben wollen, steht jedoch auf einem anderen Blatt Papier. Mir gelang es wärend des Tests trotz geduldigem Wartens nicht, einem Spiel über das Internet beizutreten. „Supreme Ruler: Cold War“ bietet jedoch im Singleplayer-Modus ein derart umfassendes Spielerlebnis, dass das Spielen mit anderen ohnehin nicht im Vordergrund steht.
Alles in allem ist „Supreme Ruler: Cold War“ Spielnahrung fürs Hirn und weniger fürs Auge. An tiefschürfender Komplexität kaum noch zu überbieten, bietet das Echtzeit-Strategie-Spiel einen unglaublichen Umfang an Möglichkeiten und Pflichten. Ddiese verlangen dem staatstragenden Spieler selbst bei langsamer Spielgeschwindigkeit alles ab und lassen nur wenig Spielraum für Fehler. Abstriche gilt es im grafischgestalterischen Bereich hinzunehmen, als Augenschmaus geht der Konflikt zwischen Ost und West nicht durch. Unter der wenig ansprechenden Oberfläche befindet sich jedoch ein gelungenes Strategiespiel, das jenen, die sich darauf einlassen und sich die Zeit nehmen, viele spannende Stunden in historischem Kontext bietet.
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