Mit „Pride of Nations“ wirft Paradox Interactive wieder einmal ein historisches Strategiespiel auf den Markt, und wieder einmal scheint man in Puncto Komplexität noch eins draufsetzen zu wollen. Ob „Pride of Nations“ nur etwas für Hardcore-Strategen mit viel Freizeit ist, oder ob auch Neulinge des Genres Gefallen daran finden könnten, erfahren Sie in unserem Review.
"Pride of Nations" lässt den Spieler eine von acht kolonialen Großmächten lenken. Zwischen 1850 und 1920 bestimmt er in der historisch fundierten Kampagne die Geschicke seines Reiches: Militär, Handel und Wirtschaft, Diplomatie, Industrialisierung und Kolonisierung sind in dieser Epoche ausschlaggebend, um die Vormachtstellung in der Welt zu erlangen und zu festigen.
In „Pride of Nations“ ist es Ihre Aufgabe, wie sollte es auch anders sein, ein möglichst großes Reich aufzubauen. Um dies zu erreichen, müssen Sie ihre Wirtschaft stärken, diplomatische Beziehungen pflegen, den wissenschaftlichen Fortschritt vorantreiben und natürlich eine starke Armee aufbauen. Da dies die Grundzutaten fast jedes Strategiespiels sind, bedarf es natürlich etwas mehr um sich von der Konkurrenz abzuheben, beispielsweise einer detaillierten Umsetzung des Szenarios. Im Falle von „Pride of Nations“ ist dies erstaunlich gut gelungen. Die historische Epoche von 1850 – 1920 wird mit großer Liebe zum Detail wiedergegeben. Für Stimmung sorgen nicht nur die vielen originalgetreuen militärischen Einheiten, sondern auch die erforschbaren Technologien, die durch Schwarz-Weiß-Bilder dargestellt werden und damit einen guten Eindruck von der Zeit der industriellen Revolution vermitteln. Sehr erfreulich ist zudem die Tatsache, dass sich das Spielgeschehen auf den gesamten Erdball ausdehnen kann, wie Paradox-Kenner das schon vom Genre-Kollegen „Europa Universalis 3“ kennen. Während Sie allerdings bei EU3 noch die Führung sämtlicher Nationen übernehmen konnten, stehen Ihnen bei „Pride of Nations“ lediglich acht Großmächte zur Auswahl, darunter zum Beispiel das Kaiserreich Österreich-Ungarn, das britische Empire und die noch jungen Vereinigten Staaten. Aufgrund der Komplexität des Spiels hätte man Einsteigern wohl einen Gefallen damit getan, das ein oder andere kleinere Land mit in die Liste der spielbaren Staaten aufzunehmen, da die großen Nationen schon zu Beginn über viele Regionen verfügen, wodurch die Übersicht schnell mal verloren gehen kann. Zumindest aber spielen sich die vorhandenen Länder alle recht unterschiedlich aufgrund ihrer verschiedenen Startbedingungen. So besitzt das britische Empire beispielsweise schon zu Beginn über recht viele Kolonien, während andere Nationen diese erst noch erringen müssen.
Die Rahmenbedingungen für ein starkes Strategiespiel wären also durchaus vorhanden, doch leider wird nach dem ersten Spielstart schnell klar, warum „Pride of Nations“, zumindest in der breiten Masse der Gelegenheitsstaatenverwalter, nicht allzu viele Freunde finden wird. Der Bildschirm wirkt überladen mit Zahlen und Symbolen und man braucht schon eine kleine Ewigkeit, bis man sämtliche Icons, Filter und Menüs durchgeschaut hat um sich so halbwegs einen Überblick über die Funktionen des Spiels zu verschaffen. Um dieser Tortur zu entfliehen, könnte man sich natürlich das Tutorial zu Gemüte führen. Leider hilft das auch nicht großartig weiter, zumal es aus einem anderen Spiel zu stammen scheint. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich beim zweiten Teil des Tutorials zu „Rise of Prussia“ begrüßt werde und Buttons anklicken soll, die gar nicht da sind - ein ziemlich böser Schnitzer. Dagegen wirken diverse Übersetzungsfehler ja noch harmlos, da man diese von anderen Paradox-Titeln schon gewohnt ist. Als letzten Ausweg aus der Hilflosigkeit muss man schließlich das Handbuch zu Rate ziehen, mit dem die meisten Fragen dann endlich geklärt werden können. Dennoch braucht man lange, um den gesamten Umfang und damit auch die durchaus vorhandenen Stärken von „Pride of Nations“ erleben zu können.
Die Spieloberfläche zeigt die, in einzelne Regionen aufgegliederte, Weltkarte auf der sich nahezu das gesamte Geschehen abspielt. Mithilfe einiger, mehr oder weniger nützlicher, Kartenfilter kann man sich einen Überblick über militärische, wirtschaftliche oder diplomatische Belange verschaffen. Neue Truppen und Gebäude können per einfachen Drag & Drop-Verfahren auf die Karte gesetzt, die Truppen dann mittels selbiger Methode zwischen Regionen verschoben werden. Trifft man auf feindliche Einheiten hat man leider keine Möglichkeit in das Kampfgeschehen einzugreifen.
Um sein Land voran zu bringen sollte natürlich auch die Forschung nicht vernachlässigt werden, allerdings hat man auch hier fast keine Möglichkeit Einfluss zu nehmen, bestimmte Forschungsprojekte können lediglich durch Geldzahlungen beschleunigt werden. Um das nötige Geld zu verdienen muss natürlich auch die Wirtschaft laufen. Dazu können in jeder Region, den Rohstoffen entsprechend, unterschiedliche Produktionsgebäude gebaut werden, um die für Handel und Militär benötigten Güter zu produzieren. Das Wirtschaftssystem mit seiner großen Anzahl an verschiedenen Waren reiht sich nahtlos in das Gesamtkonzept von „Pride of Nations“ ein, denn es zeichnet sich, wie der Rest des Spiels, durch eine extrem hohe Komplexität aber leider auch durch eine geringe Transparenz und Übersichtlichkeit aus. Es kann schon einige Zeit dauern bis man sämtliche Abläufe genau verstanden hat.
Eines braucht man ganz sicher, wenn man an „Pride of Nations“ Freude haben will, nämlich ganz viel Zeit. Und das nicht nur, weil der Einstieg schon recht langwierig ist. Eine Runde deckt nämlich nur den Zeitraum eines halben Monats ab und bei einer in-game-Spielzeit von 70 Jahren kommt man dabei auf weit über 1000 Runden. Dieser gewaltige Umfang sollte wahren Strategen eigentlich Freudentränen in die Augen treiben. Leider vergeht die Freude recht schnell wieder, denn es kann nach Beenden der Runde zwei bis drei Minuten dauern bis alle Berechnungen abgeschlossen sind und man weiterspielen kann. Noch länger dauert das Ganze im Spiel mit anderen Spielern, denn das Spiel bietet als Multiplayer-Modus lediglich das Spiel über E-Mail an.
Bei solch komplexen Strategiespielen wie „Pride of Nations“ setzt man für gewöhnlich niedrigere Ansprüche an die optische Präsentation. Die Grafik ist zwar zweckmäßig, aber das Interface wirkt viel zu überladen und unausgewogen, u.a. durch winzig kleine Buttons für diverse Kartenfilter und seltsame Kreissymbole in den Regionen, auf denen die gebauten Gebäude dargestellt werden. Der Auswahl des Soundtracks ist recht ungewöhnlich und besteht z.B. aus zünftiger Marschmusik, aber auch aus osteuropäisch anmutender Volksmusik. Leider wiederholen sich die einzelnen Lieder zu schnell.
Zusammenfassung
Man muss schon sehr viel Zeit und Geduld investieren, um alle Aspekte von „Pride of Nations“ kennenzulernen und auch Spaß damit zu haben. Freunde von komplexer und historisch detaillierter Rundenstrategie werden damit sicherlich keine Probleme haben, aber alle anderen werden wohl an der fehlenden Übersicht und den unzureichenden Erklärungen verzweifeln. Meiner Meinung nach hätte man mehr Spieler ansprechen können, indem man einige Aspekte des Spiels vereinfacht, oder zumindest einfacher und verständlicher dargestellt hätte.
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