Sex, Blut und ein abgefahrener Trip: „No More Heroes“ kommt nun auf die PS3. Hat sich hier etwas getan oder wurde nur ein Spiel portiert, in der Hoffnung, es möge auf dem Markt ähnlich einschlagen wie der Originalteil vor über drei Jahren? Wir haben den neuen Ableger gespielt, lesen Sie unser Review!
Story
Travis Touchdown ist ein ziemlich zwielichtiger Zeitgenosse, würde man so sagen. Er hat sein Laserschwert, das Spiel liefert ihm Tarantino-mäßigen Humor, und er will einfach nur eines: Die Nummer eins sein. Wie es der Zufall so will, hat seine Vorgesetzte, Sylvia Christel, ihn in das Geschäft der Attentäter gebracht. Dort ist er zur Zeit die Nummer 11, keine große Sache, aber sein Antrieb hilft ihm, schlussendlich den Spitzenplatz ins Visier zu nehmen. Ihre Einführung ist das Töten der derzeitigen Nummer 10, Death Metal. Seine Zeit sei abgelaufen, sagt Travis, und macht auch kurzen Prozess mit dem ehemaligen Attentäter! Dieser Einstieg wird eben dazu verwendet, Ihnen alles haargenau zu erklären und jede einzelne Taktik auszuprobieren. Auf Ihrem Weg begegnen Ihnen jede Menge fordernde Kämpfe gegen Unmengen von Standard-Feinden, die nur im Rudel gefährlich werden, aber auch solche gegen Boss-Gegner, die jeweils mit einer eigenen Taktik ans Werk gehen. Um zu sehen, was wir meinen, präsentieren wir Ihnen hier einen Trailer:
Sie haben es erraten: Eigener Humor, eigener Grafikstil, und jede Menge Blut. Im Prinzip so viel Blut, dass Sie nur noch mit Herumschnetzeln beschäftigt sind! Schon nach kurzer Spielzeit lassen sich dank der eingängigen Steuerung schnelle Angriffskombination und bluttriefende Finishing Moves ausführen. Ein Beispiel dafür wäre etwa das Zerschneiden von Gegnern. Jedes Mal, wenn ein Feind durch einen solchen Todesstoß sein virtuelles Leben verliert, wird anschließend eine Art Glückspielautomat eingeblendet. Zeigt diese Maschine drei gleiche Symbole an, bekommt Travis einen vorübergehenden Bonus. Sie können also vieles miteinander kombinieren, um mit Ihrem Beam-Schwert gegen die Massen vorzugehen. Mit diesem lassen sich nicht nur Angriffe im Nahkampf blocken, sondern auch aus Waffen abgeschossene Projektile. Leider leidet der Energievorrat der Waffe darunter und sie muss durch Schüttelbewegungen wieder aufgeladen werden – rein optisch erinnert die Animation übrigens stark an einen onanierenden Mann. Klar ist dies Absicht, da „No More Heroes - Heroes‘ Paradise“ ausschließlich mit Klischees und überspitzten Darstellungen handelt. Es gibt nach der Einführung auch eine frei erkundbare Stadt, und Minigames können Sie dazu nutzen, um noch mehr Geld zu verdienen.
Dann gibt es auch ein Hauptquartier für Travis: Von seinem Motelzimmer aus kann er Santa Destroy in Ego- oder Schulterperspektive erkunden. Was kann er in seinem Zimmer machen? Auf dem Klo wird gespeichert, im Wohnzimmer kann er Kleidung wechseln, er kann sich die Stadtkarte mit seinen Resultaten anschauen, seine Katze Jeane kraulen, im Fernseher Trailer oder Wrestlingszenen ansehen, den Anrufbeantworter für Aufträge abrufen, den Kühlschrank nach Essbarem durchwühlen, die Kartensammlung studieren. Das hört sich vielleicht nach viel Abwechslung an, ist aber schnell durchschaut und abgehakt. Die Interaktion in der Stadt beschränkt sich auf das Sammeln bzw. Ausgraben von Geld oder Gegenständen: Wer fleißig gegen Abfallcontainer tritt oder mit dem Schwert in den Rasen sticht, wird ab und zu mit Zaster, Klamotten oder Krimskrams belohnt. Großartig auf Glück graben muss man nicht: Gelbe Punkte zeigen an, wo sich etwas verbirgt. So richtig Feeling will sich einfach nicht einstellen, vor allem, da der geneigte PS3-Zocker ja auch Abwechslung verlangt.
Doch es ist immer das Gleiche: Nebenjobs und alternative Aufgaben erledigen, eine Art Startgeld bezahlen, damit Sie einen Rangkampf (für Assassinen!?) bestreiten dürfen, ein langes Gemetzel (über 20 Minuten im Schnitt) gegen irgendwelche Gegner wie in „Dynasty Warriors 7“ und dergleichen, neuen Rang einnehmen, Nebenjobs bestreiten und Kohle für den nächsten Kampf beschaffen. Naja. Die offene Welt kann da schon eher punkten, aber womit eigentlich? Wenn man an „L.A. Noire“, „Mafia II“, „GTA IV“, „Red Dead Redemption“ und so weiter denkt, hat man ein gewisses Bild von einer offenen Welt im geistigen Auge. Vergessen Sie das. Sie können durch Wände fahren, umgefahrene Zivilisten geben - je nach Geschlecht - immer einen Standard-Laut von sich, bevor sie wieder unbeschadet aufstehen und weglaufen. Der Straßenverkehr ist zum Vergessen, es gibt Kickstarts, die so mies zu steuern sind, dass ein Sturz fast immer vorprogrammiert ist ... ja, hier gibt es nicht viel Positives zu berichten, außer für Fans. Genauso verhält es sich mit der...
Grafik und Sound
Präsentiert wird all dies in hübscher Cell Shading-Manier, was an sich bestimmt kein Thema ist, manchen gefällt es, manchen nicht. In diesem Spiel aber passt die Darstellung ziemlich gut. Dafür fällt es auf, dass die Grafik an sich nicht so detailliert ist, wie man es von der PS3 gewöhnt sein könnte. Für einen Wii-Titel wäre diese Grafik“pracht“ Gold wert, aber auf der PS3 darf so etwas nicht vorkommen. Klobige Charaktere, die kopiert sind, bei jeder kleinsten Drehung Tearing-Effekte und die Kollisionsabfrage stimmt nicht, und der Grafikstil zwischen 3D-Retro à la „3D Dot Game Heroes“ und einem Versuch, irgendwie aus „No More Heroes“ einen HD-Titel zu zaubern, überzeugt auch nicht wirklich. Die Japan-Pop-Dauerschleife im Hintergrund kann bald nerven, ständig quasselt Travis während dem Kämpfen (ich beziehe mich auf die Bossgegner, alles andere ist reine Move-Tasten-Quälerei), und ja - hier hat man definitiv einiges verschenkt.
Sie haben die Wahl zwischen der typischen Controller-Steuerung oder dem „rundum erneuerten“ Erlebnis mit Move. Wir haben beides ausprobiert und kommen zum Schluss, dass die Move-Steuerung leider nur ein totaler Abklatsch der Wii-Steuerung für „No More Heroes“ ist. (Ja, dieser Titel ist nur eine Portierung, aber dennoch: Drei Jahre nach dem Original kein Stückchen Verbesserung?!) Im Prinzip verkommt der Kampf zu einem Reaktionsspielchen, bei dem Sie den Move-Controller möglichst schnell in eine Richtung schwingen müssen, und im schlimmsten Fall müssen Sie sogar in eine Richtung drehen. Mehr gibt es nicht, oh, und Sie greifen nicht im Stile eines „Sports Champions“ an, sondern malträtieren die Move-Taste. Macht doch Sinn, oder? ...Nein.
Atmosphäre
Die Mischung aus dem Cell Shading-Look-Einsatz, Retro-Minigames und die so richtig sinnfrei-trashige Story machen das Spiel zu einem doch ganz tollen Erlebnis. Allerdings ist die Technik nur noch für einen Wii-Titel gerecht, denn auf einer PS3 sollten derartige Grafikfehler, solch (Verzeihung) hässliche Texturen und diese Kollisionsabfrage einfach nicht mehr vorkommen. Da hilft es auch nicht, dass Travis auf dem Klo speichert, die Kleidung angepasst werden kann oder die blonde Chefin ein ziemlicher Feger sein kann: Die Stadt ist leblos, das Nebenquest-Grinden ringt mir nur noch ein Gähnen ab, die Fahrphysik ist grottig und Move ist nur ein Schatten des Wii-Originals. So nicht!
Kämpfen? Gerne. Blut? Gerne. Für einen hehren Selbstzweck die Nummer eins aller Attentäter sein? Ich bin dabei. Doch das Spiel wurde derart schlicht umgesetzt, dass es heutzutage nicht mehr wirklich gefällt. Die langen Schlauchlevels sind ein einziger Bauchschmerz, den es zu erschlagen gilt, der Spielablauf ist monoton, und auch der Humor ist zeitweise zu direkt angesetzt. Das mag noch Geschmackssache sein, doch eine fehleranfällige Move-Steuerung, keinerlei Konsequenzen bei Verkehrsunfällen oder die Vielzahl an Gegnern (Mr. Smith aus „Matrix“ much?) müssen heutzutage echt nicht mehr sein. Das Spiel hat sicher seine Fans, aber von einem halbwegs objektiven Standpunkt aus gesehen ist das Gebotene einfach zu wenig.
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