Der lang erwartete Nachfolger zum „Dragon Age: Origins“ ist endlich da, und wir haben uns ausführlich mit der PS3-Version beschäftigt, aber auch mit der PC- und Xbox 360-Version. Hier erfahren Sie alles über die Umsetzung auf der Sony-Konsole, also lesen Sie unser Review!
Sie erwarten eine lineare Fortsetzung zu „Dragon Age: Origins“? Leider scheint dies zu Beginn nicht der Fall zu sein. Ein Zwerg wird von einer Sucherin - wohl einer Art Verhörmeisterin - aufs Übelste in ein Gespräch wider Willen gebracht, was der robuste kleine Mann aber mit Humor zu nehmen weiß. Die Story wird Ihnen sowohl in Zeitsprüngen als auch in sehr guten Übergängen und Schnitten erzählt, das sorgt gleich in der ersten Spielstunde für einen gewaltigen Drive und fesselt Sie ohne Probleme vor dem Bildschirm. Bevor wir aber noch mehr preisgeben, haben wir hier einen Trailer für Sie!
Ein leerer Raum wird Ihnen gezeigt, und ein älterer Mann, ein Zwerg, wie sich herausstellt, wird von zwei Wachen hineingeschleift und auf eine großen Stuhl gesetzt. Dann kommt eine Frau in Rüstung, Cassandra ihr Name, und beginnt ohne Umschweife mit einem Verhör. Die Fragen drehen sich um einen Champion, einen tapferen Kämpfer, den Cassandra unbedingt finden möchte. Die Dame ist nicht gerade zimperlich, lässt den Zwerg, Varric sein Name, aber erzählen. Angeblich kennt er den Champion schon sehr lange, und wenn sie ihn wirklich finden möchte, dann sollte sie zuhören. Flashback: Auf einmal stehen Sie auf einem Plateau und müssen sich gegen eine Horde der Dunklen Brut behaupten. Je nachdem, welche Klasse Sie gewählt haben – Magier, Ritter oder Schurke (männlich oder weiblich) wurden vorher festgelegt – kämpft es sich unterschiedlich. Ich habe mich für eine fesche Magierin entschieden, denn mit Magie lässt sich vieles sehr schnell lösen, insbesondere der Kampf gegen mehrere Gegner. Der Kampf scheint schnell entschieden, doch eine Cutscene zeigt eine neue Welle von Widersachern. Auf einmal sorgt ein riesiger Drache für Ruhe am Plateau. Schnitt. Zurück bei Cassandra und dem Zwerg Varric.
Die Fragende ist von Varrics Ausführungen gar nicht begeistert, klingt die Sache doch mehr als an den Haaren herbei gezogen. Der Erzähler lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Der Kampf am Plateau war eigentlich nur Ihre Einführung. Diese Stelle werden Sie später noch einmal besuchen, wenn Sie gemeinsam mit Hawke und seiner/ihrer Familie auf der Flucht sind. Lothering wurde von der Horde der Dunklen Brut überfallen, weshalb sich Hawke, sein/ihr Bruder Carver, die Mutter und Schwester Bethany nach Kirkwall, der einzigen sicher scheinenden Zuflucht, retten wollen. Darüber hinaus haben Sie dort Familie, und da Ihre Heimat nur noch Schutt und Asche ist, bleibt Kirkwall die günstigste Wahl. Doch schon auf dem Weg dorthin drohen neben der Horde auch andere Gefahren. Gleich zu Beginn treffen Sie auf zwei Templer. Einer davon will Bethany gleich verhaften, da sie eine Zauberin ist. Bekanntlich dürfen diese nicht einfach in Ferelden herumlaufen, sondern müssen dem Orden beitreten, sobald die Eltern erkennen, welche Fähigkeiten in den Kindern stecken. Der verwundete Templer hat die Situation noch nicht ganz durchschaut. Alle sitzen im selben Boot und müssen zusammenarbeiten, um der bösen Brut zu entkommen. Nach ein paar kleinen Scharmützeln finden Sie sich auf besagten Plateau wieder. Bis der große Drache ein weiteres Mal zu Hilfe kommt, kämpfen Sie ebenfalls zum zweiten Mal gegen einen Riesentroll. Wenn das nicht kinoreif ist?
Sie beginnen Ihr Abenteuer ganz genretypisch mit der Erstellung Ihres Helden. Je nachdem, ob Sie einen männlichen oder weiblichen Helden erschaffen, ändert sich die Anfangssequenz geringfügig. Je nach Charakterauswahl steht Ihnen entweder Ihr Bruder Carver - ein Kämpfer ohnegleichen - zur Seite, oder aber die magisch begabte Bethany überlebt den Kampf gegen den Riesentroll und hilft Ihnen fortan auf Ihren Reisen. Wie schon in unserem ausführlichen Preview vom Kollegen Neidhart beschrieben, ist der Drache, der Ihnen aus der Patsche hilft, eine Hexe, die Sie für eine Aufgabe benötigt. Dafür verschafft sie Ihnen eine Gelegenheit, nach Kirkwall zu kommen und dort auf Verwandtschaft zu treffen. Zwischendurch versüßen immer wieder kleine Scharmützel (manchmal optional, manchmal nicht) den Spielablauf, doch allzu oft sind die Kämpfe nur eine kleine Ablenkung zwischen den filmreifen Sequenzen, welche die Geschichte vorantreiben. Sehenswert sind sie allemal, doch oft erinnert „Dragon Age 2“ eher an einen interaktiven Film à la „Heavy Rain“, weil Sie zu sehr zum Zuseher degradiert werden. Sind Sie allerdings genau der Typ, bei dem es nicht ständig krachen und bluten muss, ist dieses Spiel wie für Sie gemacht!
Blutig wird es aber allemal: In den Kämpfen gehen Sie niemals alleine vor, sondern es tummeln sich immer zumindest fünf Kämpfer inklusive Feinde auf dem Schirm. Vor den Kämpfen dürfen Sie jedem Charakter eine Taktik zuweisen und auch mittendrin immer zwischen den einzelnen Kriegern und Kriegerinnen hin und her wechseln. Jedes Mal, wenn Sie das schon aus „Neverwinter Nights“ und „Dragon Age: Origins“ bekannte Radialmenü öffnen, pausiert das Spiel automatisch, und gerade für die Konsolenspieler ist das ein wahrer Segen. Egal, ob Sie einen Trank einwerfen, schnell eine Stufe aufsteigen oder die Strategie ändern möchten, alles ist Ihnen erlaubt. Mit meiner rothaarigen Magierin beispielsweise war es kein Thema, stets im Hintergrund zu bleiben und alles aus der Ferne zu versengen respektive einzufrieren oder gar in einen Schockzustand zu versetzen. Doch auch Krieger dürfen einiges an Schaden austeilen, so dürfen Sie sich zwischen zweihändigen Waffen, Schwert und Schild, geschickbasierten Kampftalenten und noch mehr entscheiden. Auch auf die Unterstützungsfähigkeit wurde nicht vergessen, und so dürfen Sie sich ganz wie der Paladin in „Diablo 2“ mit einer Aura ausrüsten, welche Ihnen und Ihrer Gruppe gewisse Boni verleiht. Da die Gruppe immer mehrere Charaktere umfasst, steht es Ihnen völlig frei, wie Sie Ihre Gruppe aufleveln und wie Sie Ihren gerade gesteuerten Protagonisten einsetzen, ob im Nahkampf, Fernkampf oder als Support. Via Tastendruck dürfen Sie zwischen allen Kämpfern hin- und her wechseln, und so gestaltet sich das Spielen von „Dragon Age 2“ als Fest für PS3-Rollenspieler!
Optisch blieben bei mir keine Wünsche offen. „Dragon Age 2“ hat sich im Vergleich zum Vorgänger gewaltig gesteigert, und selbst, wenn es an diverse Grafikspektakel nicht ganz herankommt, mir hat es sehr gut gefallen! Die Sequenzen sind gut gelungen, auch die Mimik kann mit der Oberklasse mithalten, und die Animationen laufen wunderbar weich ab. Effekte werden zwar in Hülle und Fülle eingesetzt, aber nicht so, dass Sie sich überfordert fühlen, und die Texturen sind im Vergleich zu „Dragon Age: Origins“ schärfer und vielfältiger geworden. Dennoch gibt es immer noch Anlass zur Kritik, und zwar beim Leveldesign: Viele der Dungeons und Gebiete ähneln einander zu sehr, und der Kollege Hohenwarter war sogar der Meinung, dass nach dem Kirkwall-Abschnitt überhaupt manche Höhlen 1:1 kopiert wurden! So wird mit wenig Entwicklungs- und Designaufwand die Spielzeit etwas künstlich verlängert, und das ist leider schade.
Die Soundkulisse wiederum ist opulent und erscheint gerade für Heimkino-Besitzer schon fast als die ultimative Rechtfertigung, warum man eine Stange Geld für sein 5.1-System ausgegeben hat. Die Sequenzen wurden gut vertont, auch die Effekte im Kampf und Hilferufe flirren so sehr realitätsnah durch den Raum. Epische Klänge hallen durch Ihr Wohnzimmer, und man fragt sich, ob es nur BioWare wirklich so hinbringt oder ob es nur am mangelnden Einsatz der Konkurrenz liegt. Wie dem auch sei, es gefällt durchaus, wie „Dragon Age 2“ akustisch wirken mag und setzt so für die kommenden Rollenspiele durchaus den einen oder anderen Maßstab.
Steuerung
Die Steuerung ist für Fans von „Dragon Age: Origins“ keine große Überraschung, wobei im Radialmenü leichte Verbesserungen und Performance-Updates vorgenommen wurden. Ja, das Anvisieren von einzelnen Gegenständen und Kontaktpersonen ist bei mehreren Zielen nicht immer ganz leicht, und auch der Fertigkeitenbaum für jeden Charakter ist für Einsteiger ziemlich unübersichtlich aufgebaut (Helligkeit hochdrehen hilft marginal). Ansonsten können Sie aber das Spiel im Kampf jederzeit pausieren und zwischen den Protagonisten wechseln, auch dürfen Sie jederzeit die Ausrüstung ändern: Das passt sowohl Einsteigern als auch den Profis recht gut in den Kram und dient der Usability des Titels als Ganzen. In den Städten und Höhlen finden Sie sich oftmals nicht sofort zurecht, was wiederum der Stimmung in „Dragon Age 2“ zuträglich ist, für alles andere haben Sie aber eine Mini-Map an Ihrer Seite. Sie bleiben so gut wie nie an irgendwelchen Ecken oder Polygonen hängen, das heißt, technisch wurde sehr gut gearbeitet und hinterlässt so gut wie keine negativen Eindrücke.
Willkommen in „Dragon Age 2“. Sofort fühlte ich mich hier wohl, möchte bleiben und alles erkunden. Nicht zuletzt der geniale Einstieg ins Spiel ließ die ersten Stunden wie nichts verrinnen, und bis auf kleine langatmige Passagen zwischendurch kann das Game die Spannung auch warten. Glaubwürdige Charaktere und eine gute Geschichte reißen einfach mit! Noch dazu hat es BioWare geschafft, dem Ganzen eine ordentliche Hintergrundgeschichte zu verleihen. Konflikte zwischen den Rassen und zwischen den unterschiedlichen Klassen geben der Story eine gewisse Tiefe. Dankenswerterweise haben auch die Teamkameraden in Ihrer Gruppe eine Geschichte. Sie handeln nach ihrem eigenen moralischen Befinden, und damit kommt es ab und an zum Konflikt in der Runde. Es macht einen Riesenspaß, der Anführer dieser Gruppe (wer hatte mich eigentlich dafür gewählt?) zu sein. Stimmungstechnisch stimmt einfach alles zusammen: Gute Grafik, ein bombastischer Sound und die komplette Vertonung von schlichtweg allem, was Ihnen so einfallen kann, sorgen für eine unheimliche Atmosphäre. Ein Kritikpunkt von mir ist aber von Beginn weg ersichtlich, es sind Haupt- und Nebenaufgaben kaum voneinander zu unterscheiden. Nicht selten nehmen Sie eine Aufgabe an und kommen später dahinter, dass dieser Task entweder rein dem Goldverdienen dient (was anfangs ja nicht schlecht ist), oder aber Sie kommen unvorhergesehen schnell in der Story weiter. Hier könnte BioWare noch ansetzen, wobei aber auch diese Möglichkeit es sehr leicht macht, sich in „Dragon Age 2“ zu verlieren. Gut gemacht, BioWare!
Doch wie schon beim Punkt Grafik und Sound möchte ich etwas Kritik üben: Viele der Dungeons und Gebiete ähneln einander zu sehr, und der Kollege Hohenwarter war sogar der Meinung, dass nach dem Kirkwall-Abschnitt überhaupt manche Höhlen 1:1 kopiert wurden! So wird mit wenig Entwicklungs- und Designaufwand die Spielzeit etwas künstlich verlängert, und das ist leider schade. Auch der Start in Kirkwall, wo Sie sich zuerst eine gewisse Anzahl an Geld beschaffen müssen (in Wahrheit ist es einfach nur das Abschließen einer Vielzahl an Quests), lässt Einsteiger schnell das Handtuch werden, und hier hätte man sehr gut daran getan, den Drive ein Stück weit zu erhöhen. Die Kämpfe werden relativ schnell ermüdend, vor allem, weil sie immer durch Sequenzen unterbrochen werden, und so scheint „Dragon Age 2“ eher ein interaktiver Film zu sein denn ein Spiel - kurze Erforschungs- und Actioneinlagen ausgenommen.
“Dragon Age: Origins“ war ein gelungener Auftakttitel, und obwohl „Dragon Age 2“ eine sinnvolle, ja würdige Fortsetzung des Franchises ist, kann er nicht ganz so stark überzeugen wie Teil eins. Die Zutaten sind zweifelsohne vorhanden, die filmreife Aufmachung ist sehenswert und auch die Spielmechanik hat nichts von ihrer Qualität verloren, dennoch sind wir mittlerweile im Frühjahr 2011 angelangt, und die Konkurrenz hat nicht geschlafen. So sind hochwertige PS3-Spiele wie „Mass Effect 2“ stärker vertreten als noch zu Zeiten von „Dragon Age: Origins“, und angesichts solcher Konkurrenz muss auch das beste Spiel ein wenig verblassen. Das soll aber nicht heißen, dass sich BioWare mit diesem Titel einen Fehler geleistet hat, ganz im Gegenteil: Fans des ersten Teils werden auch den Nachfolger ohne Zweifel lieben, und darüber hinaus wird „Dragon Age 2“ viele Neueinsteiger ansprechen. Ein Platz für eines der besten Rollenspiele für PS3 gebührt dem Titel auf jeden Fall, und das belohne ich nur zu gerne mit dem Gold-Award!
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