1938, Lost Heaven: Langsam schwenkt die Kamera vom Meer in Richtung Brandung. Weiße Tauben fliegen ins Bild, der Blick wandert über eine belebte Stadt im Morgengrauen: Leute gehen ihrer Tagesbeschäftigung nach, unzählige Autos halten sich brav an die Verkehrsordnung, die U-Bahn zieht ihre Wege im Untergrund der Stadt. Zur selben Zeit treffen sich zwei Männer inkognito in einem kleinen Café. Der eine hört auf den Namen Thomas Angelo und hat Informationen, die das Leben in der Metropole entscheidend verändern können - Informationen über Don Salieri, den Mann, der in der Unterwelt die Fäden zieht. Thomas, kurz Tommy genannt, ist selbst Mafiosi - was jedoch nicht immer so war. "Mafia" erzählt nun in rasanten Bildern dessen Geschichte, von seiner ersten Begegnung mit der Gangsterfamilie Salieri an, als Tommy noch Taxifahrer war und keine Ahnung von Verbrechen und Bestechungsgeldern hatte ...
Schon das Intro lässt dank beeindruckender Kamerafahrten und -schnitte das Gefühl aufkommen, im Kino zu sitzen und den neuesten Gangsterstreifen zu sehen. Mit "Mafia" ist Illusion Softworks ein Action-Adventure gelungen, das derzeit in so ziemlich allen Belangen seinesgleichen sucht:
Die Story dahinter
Im Ehesten lässt sich "Mafia" wohl als eine Mischung aus "Max Payne" und "GTA III" beschreiben. Wer jetzt aber glaubt, ähnlichen Freiraum im Spielprinzip wie in letztgenanntem Programm zu haben, mag auf den ersten Blick vielleicht enttäuscht sein. Zwar erledigen Sie alle Aufgaben in und außerhalb einer eigens für das Spiel entworfenen Stadt namens "Lost Heaven City" - das Szenario erinnert stark an das San Francisco der 30er - und benutzen müssen Sie die Oldtimer aufgrund der recht weit zurückzulegenden Strecken sowieso nur allzu oft.
Trotzdem hält sich "Mafia" an eine streng lineare Storyline, die es dann aber echt in sich hat: Lassen Sie sich nicht von den ersten paar Aufträgen, nämlich langwierigen Taxijobs, verwirren, denn die Geschichte setzt, nachdem Tommy seinen ersten "richtigen" Job als Handlanger der Mafia ausgeführt hat, zu wahren Höheflügen an, die in Sachen Dramatik und Abwechslung größtenteils absolut top sind -was den einzelnen Levelabschnitten bzw. der Motivation nur zurecht kommt. Von Verrat in den eigenen Reihen über den Kampf der führenden Mafiabosse bis hin zu einer waschechten Liebesbeziehung zeigt "Mafia" all die Facetten, die zu einem guten Film - pardon, Spiel - dazugehören. Aber bis zum Grande Finale ist es noch ein langer und blutiger Weg. Weitere Details sollten hier aber unerwähnt bleiben, schließlich will ich Ihnen die Spannung ja nicht verderben.
Das Gameplay beleuchtet
Was tut sich also spielerisch in den einzelnen Missionen? Nun, wer Remedy's "Max Payne" bereits kennt, dem werden zumindest die 3D-Shooter-Sequenzen sofort bekannt vorkommen: Ihr Alter-Ego steuern Sie mittels der bereits gewohnten 3rd-Person-Perspektive am besten mit der üblichen Maus-Tastatur-Kombination durch die Stadt Lost Heaven. Per Maustaste ziehen Sie die Waffe, mittels Inventarknopf wählen Sie das bevorzugte Schießeisen, das Sie am Besten - genauso wie auch andere Items - per Rechtsklick von erledigten Gegnern entwenden. Lediglich auf den kultigen "Bullet Time"-Modus (=Zeitlupe) haben die Entwickler dieses Mal verzichtet, was dem Spielspass aber keinen Abbruch tut - und wer weiss, vielleicht wird diese Option ja irgendwann einmal als Mod (von den Fans) nachgeliefert?
Anstatt aber nur endlose Missionen in Innenlevels zu bestreiten, hat Illusion Softworks das Hauptaugenmerk auf genial detaillierte Aussenareale gelegt. So besteht nun eben auch die Möglichkeit - teilweise ist es auch einfach unerlässlich - im Großteil der Aufgaben diverse Fahrzeuge zu missbrauchen. Wie bereits aus "GTA III" bekannt, können Sie jederzeit in die hübschen Oldtimer ein- und aussteigen. Müssen Sie anfangs noch auf die "familieninternen" Klappermühlen zurückgreifen, kommen im späteren Verlauf auch richtig schnelle Flitzer in die eigene Garage - der stotternde Mafiosi-Mechaniker Ralph lernt Ihnen schließlich nach und nach die Tricks, um auch die übrigen Wagen erfolgreich zu knacken. Allerdings dürfen Sie sich, mal auf der Strasse, keinen Geschwindigkeitsrausch erwarten. Selbst die schnellsten Modelle kommen bestenfalls (mal abgesehen von den Rennwagen) auf knapp auf über 120 Sachen pro Stunde, in der Stadt selbst herrscht die strenge Geschwindigkeitsbegrenzung von sage und schreibe 40 km/h. Wer hier als Verkehrsrowdie unterwegs sein will, sieht deshalb gerade am Anfang nur allzu schnell den spielbeendenden Strafzettel.
Wilde Schusswechsel während des gleichzeitigen Fahrens sowie das Ausweichen vor den teils lebensmüden Passanten, die mitunter nämlich auch überfahren werden können, sorgen trotzdem für ausreichend Konzentrationsaufwand ...
Was "Mafia" technisch zu bieten hat, lässt derzeitige Konkurrenten echt alt aussehen: Tolle Texturen, detaillierte Umgebung, realistische Darstellung der Figuren und Fahrzeuge und vor allem eben genialen Zwischensequenzen zeigen, dass die "LS3D"-Engine in "Max Payne" längst nicht ihr ganzes Potential gezeigt hat und mehr als nur lebensechte Innenräume darstellen kann. Leider haben aber auch die Systemanforderungen seit dem letzten Spiel ordentlich zugelegt: Reichte damals noch ein 800 MHz-Rechner vollkommen aus, sollten Sie jetzt schon mindestens mit 1 GHz, am besten mitsamt GeForce4, an den Start gehen, um Lost Heaven auch halbwegs flüssig geniessen zu können. Zocker mit weniger Ausstattung dürfen zumindest an diversen Reglern (Detail bzw. Sichtweite) ein wenig experimentieren.
Auch sonst passt die technische Aufmachung perfekt zum Gesamtbild: Gute, von professionellen, teils altbekannten Sprechern gesprochene deutsche Sprachausgabe sowie authentische Soundsamples (3D-Sound wird in den gängigsten Formaten unterstützt)sorgen mitsamt der typischen 30er-Jahre-Grammofon-Musik für einen ordentlichen Atmosphäreschub.
Zum bereits weiter oben kurz angeschnittenen Thema "Steuerung" sei noch soviel gesagt: Neben der individuellen Belegung auf der Tastatur unterstützt "Mafia" auch gängige Gamepads samt Force Feedback. Erfreulich: Die Konfiguration sowohl für die 3D-Shooter-Steuerung als auch für den Fahrmodus lassen sich getrennt belegen ...
Die Entscheidung mag so manchem angesichts dieser beiden Toptitel schwer fallen. Grundsätzlich gilt, mal abgesehen von den total konträren Szenarien: "GTA III" bietet die deutlich längere Spieldauer und eine vergleichsweise große Spielfreiheit. Das Ganze spielt sich rasanter mit Betonung auf Action. Demgegenüber setzt "Mafia" im Fahrmodus viel mehr auf Realismus: Das Geschehen rund um die fahrbaren Oldtimer folgt einer streng vorgegeben Storyline, was die Spieldauer hier auf ungefähr die Hälfte von der des Konkurrenten reduziert. Dafür steht die geniale Präsentation am absoluten Höhepunkt, die detaillierte Stadt mitsamt "Innenleben" wirkt filmreif. Sie sehen, die Wahl ist eindeutig Geschmacksache: Zocker mit der ausreichenden Rechenpower sowie gefüllter Geldtasche sollten ohnehin gleich zwei Mal zuschlagen ...
Zusammenfassung
Schwer zu sagen, was an "Mafia" jetzt das Beeindruckenste ist. Die Grafik steckt jedes derzeitige Konkurrenzprodukt locker in die Tasche , die Story sucht mitsamt ihrer rasanten Zwischensequenzen ihresgleichen. Der Fahrmodus passt sich hervorragend in den Shooter-Teil ein, diverse "Spezialaufgaben" sorgen für Motivation. Was gibt es da eigentlich noch zu bemängeln? Zum einen vielleicht die doch recht kurze Spielzeit (ca. 20 Missionen in Kapitel unterteilt), zum anderen die relativ hohen Systemanforderungen. Das macht jedoch nichts, sage ich, schließlich sollte es erstens spätestens jetzt sowieso Zeit für eine Hardwareaufrüstung sein ("Unreal Tournament 2003" steht vor der Tür!), zweitens kann man "Mafia" aufgrund der tollen Aufmachung auch prima zum Angeben bei den Freunden vorzeigen ...