Der wohl berühmteste namenlose Held in den Welten der PC-Spieler gibt sich wieder einmal die Ehre: Nach seinem sehr polarisierenden Auftritt in „Gothic 3“ dürfen Sie nun die Kontrolle über ihn in Teil vier, namentlich „ArcaniA - Gothic 4“ übernehmen. Taugt der Hirte zu mehr als bloßem Schäfchenzählen? Lesen Sie mehr in unserem Review!
Die wahren Adventure-Fans mit Hang zu einem fordernden Kampfsystem haben sich schon immer für den „Gothic“-Franchise interessiert. Der stets namenlose Held hat auch im neuesten Ableger mit den bekannten Problemen zu kämpfen: Waren es in Teil drei noch Wildschweine und sonstiges wildes Getier, ist es nun im neuen Ableger „ArcaniA - Gothic 4“ der Vater seiner Herzdame Ivy, der Ihnen gleich zu Beginn des Spiels zu schaffen macht. Doch bevor wir Ihnen nähere Details liefern, wollen wir Ihnen etwas Bildmaterial zukommen lassen. Hier haben wir einen Trailer für Sie!
Schon wieder habe ich von König Rhobor III. geträumt. Dieser Traum, er verfolgt mich. In diesem düsteren Traum bin ich der König, und gefallene Paladine, Ritter und Skelette greifen mich an. Alles, was mir einmal untertan war, wendete sich gegen mich, und Stimmen sprechen durcheinander. Meine Sicht ist verschwommen, und obwohl ich mich fühle, als ob der Tod seinen kalten Griff um mich schlingt, schaffe ich es, mein Schwert zu ziehen. Mit einem Kampfschrei stürze ich mich auf die Gegner, und wenige Hiebe später sind die ersten Feinde am Boden. [...] Was ist das? Ein Erzdämon lacht mich aus und verspottet mich? Das Schwert ist noch ganz warm von dem Kämpfen, die hinter mir liegen, da ist es ein Leichtes, auch ihn zurück in die Hölle zu schicken, aus der er kommt. Aber ... wo bin ich eigentlich? Ist dies die Abyss, oder doch nur eine Ausgeburt meiner Fantasie? Die nächste Gruppe greift mich an, ein gefallener Magier versucht, mich zu verbrennen, Paladine schlagen mit ihren Knüppeln auf mich ein, aber ich bin stärker und schneller. Die Stimmen verstummen nicht, nein, vielmehr werden sie lauter, je länger ich mich zur Wehr setze. Behäbig, aber dennoch schnell genug rolle ich meinen gealterten Körper zur Seite, und das riesige Schwert des Angreifers schmettert in den Boden. Als ich aufstehe, teilt ein horizontaler Hieb den Feind in zwei Teile. Es steckt doch noch Leben in diesen alten Knochen! [...] Ivy? Sie ist wunderschön wie immer. Ich bin dankbar dafür, dass sie mich geweckt hat, denn der Traum ist nun vorüber, und ich darf in ihr hübsches Antlitz blicken. Sie sieht aber ernster aus als sonst, und als ich sie nach einem Kuss frage, antwortete sie nur: „Später.“ Zuvor soll ich mit ihrem Vater Gromar reden, der im ganzen Dorf für seine schlechte Laune bekannt ist - da bin ich doch mal gespannt, was dabei herauskommt ... ich bin nur der Hirte. Ich hoffe nur, er hat kein Problem mit mir. [...| Jemand hat geplaudert! Er war fuchsteufelswild, als er herausbekam, dass Ivy und ich eine Beziehung miteinander führen. Als ich ihm eröffnete, dass ich gedenke, sie zu heiraten, lachte er mich nur aus. Aber zumindest ließ er mich gewähren und erzählte mir von den drei Prüfungen, die ich absolvieren muss, um ihrer würdig erachtet zu werden. Dann werde ich diese in Angriff nehmen, und Ivy wird meine Braut. Was sehne ich diesen Tag schon herbei...
Gameplay
Nach diesen kurzen Impressionen des Helden wissen Sie nun, was Sie im Spiel erwartet. Ein relativ einsamer Hirte, der mit seiner Holden Ivy im Geheimen liiert ist, wird von ebendieser hübschen Dame geweckt, damit Sie als Spieler die ersten Aufgaben entgegennehmen. Gleich zu Beginn des Spiels werden Sie also mit den Steuerungsmodalitäten vertraut gemacht, und Sie erlegen auf den Hinweis eines Bauern Ihres Dorfes so genannte Molerats, zu gut Deutsch also Maulwurfsratten. Dass die Viecher nicht unbedingt nach so einer Kreuzung aussehen, sei dahingestellt: Ihre ersten Gegner, bis Sie die zweite Stufe erreichen, sind ausschließlich diese possierlichen Tierchen. Danach gilt es, einen menschlichen Gegner aus dem Dorf zu vertreiben. Die drei Aufgaben von Gromar (dem Vater der hübschen Ivy) gestalten sich ähnlich rollenspiel-like, so gilt es, gleich als erste Aufgabe, einen Dolch aus einem Grab des Melgan zu beschaffen.
Dass es in „ArcaniA: Gothic 4“ nicht immer so feudal zugeht, ist spätestens nach den ersten Storywendungen klar, und wieder einmal geht es um nichts Geringeres als um die Rettung der Welt! Gameplaytechnisch ist das Spiel ganz in Ordnung, so führen wagemutige Sprünge über die Klippe gleich bei der Weide zum unweigerlichen Tod, das Inventar ist übersichtlich aufgebaut und rasch erhalten Sie Ihre ersten Waffen, vom handelsüblichen Hirtenstab über den genormten Einhandknüppel bis hin zur rostigen Axt, mit denen Sie die Schädel Ihrer immer größer werdenden Widersacher spalten. Mit von der Partie sind ebenfalls die Erfahrungspunkte, welche Sie für Aufgaben und erlegte Feinde erhalten. Haben Sie nämlich 1000 Punkte erreicht (im Normalfall innerhalb der ersten Spielstunde), gibt es ein Level-Up für Ihren Hirten - der auch so tituliert wird - und für Sie drei Fertigkeitenpunkte, die es frei zu verteilen gilt. Diese wiederum dürfen Sie auf acht Bäumen ausgeben, die da heißen: Kampfgeist, Disziplin, Vitalität, Präzision, Gleichmut, Dominanz, Heimlichkeit und Inbrunst. Insgesamt gibt es an die 30 Fertigkeiten, die Sie mit geduldigem Höherstufen der einzelnen Bäume erreichen können, und Ihr Held wird es Ihnen danken!
Die Block-Funktion rettet Leben, und wie es im Leben so spielt, ist es auch in „ArcaniA: Gothic 4“. Wenn Sie zu den erfahrenen Rittern gehören, können Sie auch Hechtrollen in alle vier Richtungen machen und später auch eine Schleichen-Attacke freischalten. Die Geschichte wird vom Spiel nicht gerade neu erfunden, und selbst wenn sich das Game vielerorts an den Klischees orientiert und kräftig bedient, so gefällt das Gesamtpaket dennoch durchaus ganz gut und vermag zu fesseln. Die Spielmechanik des „Gothic“- Franchises ist zwar nicht jedermanns Sache, doch Teil vier kann alte Stärken mit einer gelungenen Story durchaus verknüpfen.
Auf den höchsten Einstellungen ist „ArcaniA: Gothic 4“ eine Augenweide. Details überall, coole Gesichter (wenngleich nicht optimalst animiert) und eine stimmige Umgebung runden das Gesamtbild perfekt ab. Wenn Sie aber mit einem schwächeren PC spielen wollen und die Details runterdrehen, so werden die Texturen sogar auf den mittleren Einstellungen sehr matschig, und Grafikfehler tauchten hier und da auf: So löste sich ein Stapel Baumstämme unversehens in blauen Pixelhäufchen auf, bevor er wieder in alter Pracht so dalag, wie er es seit der Modellierung durch die Entwickler tat. Die Waffen wurden ebenso mit Liebe zum Detail erstellt, der Held geht klasse mit ihnen um und die zahllosen Feinde müssen leiden, dafür, dass sie ihren Weg ins Spiel gefunden haben. Blutig!
Der Sound ist gut gelungen, zwar nicht das Gelbe vom Ei, aber auch nicht weit davon entfernt! Die Sprecher machen ihren Job ordentlich, ohne zu glänzen, und die Hintergrundmusik beginnt episch, um danach etwas abzubauen und im Hintergrund als reine Untermalung des Kampfgeschehens zu fungieren. Die Kampfgeräusche wiederholen sich verständlicherweise, da auch der Kampf im Spiel immer und immer wieder vorkommt, doch das kann den Spielspaß auch gar nicht so stören, wenn Sie erst einmal vertieft sind...
Steuerung
Hier offenbart sich ein etwas schräges Bild: Die Mausempfindlichkeit beispielsweise musste sowohl unter dem Betriebssystem als auch im Spiel selbst auf das absolute Minimum eingestellt werden, damit das Spielgefühl einigermaßen in Ordnung ist! Ansonsten präsentiert sich Ihnen ein solides Erlebnis, die WASD-Steuerung tut ihre Dienste und die Hotkeys für das Inventar, den Charakterbogen sowie die einzelnen Fähigkeiten sind wie im handelsüblichen Rollenspiel angesiedelt. Der Kampf ist nichts für reine Schlägertypen, hier will es gut getimed werden, wenn Sie einen Block ansetzen oder gar eine Ausweichrolle versuchen! Anfänger mögen das etwas statische und von Taktik geprägte Geplänkel bemängeln, doch dem wahren „Gothic“-Fan wird die altbekannte Mechanik gut gefallen!
Der Titel fesselt durch seinen unkomplizierten Zugang, so ist es völlig egal, ob Sie die vorigen Teile gespielt haben oder nicht. Dennoch ist der Einstieg in der Traumsequenz mit dem König Rhobor III. etwas psychedelisch veranlagt, und die mangelnde Navigationsfähigkeit in diesem Fiebertraum ist doch abschreckend. Kaum haben Sie jedoch die Kontrolle über den Hirtenburschen erlangt, haben Sie auch eine Mini-Map zur Verfügung, sehen jederzeit Ihr Leben, können sich barrierefrei umsehen - kurzum, so gefällt uns ein Spiel! Die Geschichte benötigt eine Zeit lang, bis sie sich entfalten kann (bitte, drei Prüfungen, damit eine Hochzeit stattfinden kann? Mann.), doch dann ist es um Sie geschehen: „Gothic“ hat wieder zugeschlagen, und wenn Sie an keiner frustrierenden Passage scheitern, dann lässt Sie das Spiel nur schwer gehen. Vorausgesetzt, Sie besitzen einen starken PC, der das Game einigermaßen erträglich laufen lässt - die Grafik sieht auf den niedrigsten Einstellungen wahrlich erbärmlich aus, und obwohl „ArcaniA - Gothic 4“ dann mit Gewissheit flüssiger läuft, ist die Augenweide zerstört und macht auch nur wenig Spaß.
An den Mega-Erfolg von „Gothic 3“ (nach seiner Patchreihe) wird der vierte Teil wohl nicht rankommen, dazu fehlt ein bisschen der Flair und der Feinschliff. Doch die neuesten Abenteuer des namenlosen Helden sind auch keineswegs schlecht, Ihnen präsentiert sich ein solides Werk mit Stärken und Schwächen, wobei Fans auf jeden Fall einen Blick riskieren werden. Abschließend sei gesagt, dass Sie eine gewisse Einarbeitungszeit benötigen werden (der Einstieg kostet Nerven), genauso wie zumindest einen Mittelklasse-Rechner. Das Rad wurde definitiv nicht neu erfunden, doch das Kompendium aus den einzelnen Komponenten gefällt. Verlassen Sie Ihre Schafe und begeben Sie sich auf eine Reise von gigantischen Ausmaßen, und zumindest für zwei Nächte haben Sie einen treuen Gefährten gewonnen: „ArcaniA: Gothic 4“.
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