Seit seinem ersten Einsatz auf den heimischen Konsolen sind einige Jahre ins Land gezogen und trotzdem weiß Rico Rodriguez noch immer, wie man einen Inselstaat ins Chaos stürzt. Lesen Sie hier unser Review zum Action-Titel „Just Cause 2“.
Starten möchten wir gleich mit dem actionreichen Launchtrailer zum Spiel!
Panau, ein Staat bestehend aus mehreren Inseln, beheimatet so ziemlich alle erdenkbaren Landschaften: Angefangen bei tropischen Wäldern im Nord-Osten, die mehrere Berge umschließen und auf deren Gipfeln der Permafrost das Sagen hat, bis hin zur großen Insel im Süd-Westen, wo sich eine großzügig angelegte Wüste befindet. Für Abwechslung ist auf alle Fälle gesorgt, aber nun zur Story:
Die CIA verhalf einst einem USA-freundlichen Präsidenten an die Macht, der zu Onkel Sams Wohlwollen regierte – solange bis sein Sohn Pandek Panay seinen alten Herren ins Jenseits beförderte, um selbst die Macht zu ergreifen. Seitdem leidet die Bevölkerung unter dem Schreckensregime des machthungrigen Diktators.
Hals über Kopf
Im kurz gehaltenen Intro-Video wird Ihnen ein Gespräch zwischen Maria Kane und Ihrem Alter Ego Rico Rodriguez in einem Hubschrauber gezeigt, das über die kürzlich stattgefundenen Ereignisse aufklärt. Plötzlich wird Ihr Transport von Flugabwehrkanonen angegriffen und ein Begleiter wird tödlich getroffen. Blöderweise fliegt nicht nur dessen Körper aus dem Helikopter, sondern auch einige heikle Datenkarten, die in den falschen Händen sehr viel Chaos anrichten können.
Also beschließt Rico einfach hinterher zu springen und gibt Ihnen erstmalig die Möglichkeit, selbst die Kontrolle über den Protagonisten zu übernehmen. Es gilt, noch im freien Fall den leblosen Körper des toten Begleiters zu durchsuchen und anschließend den Fallschirm zu öffnen, um sicher am Fallschirm hängend den Boden zu erreichen und die erste feindliche Einrichtung zu stürmen.
Einrichtungen
Nach absolviertem Tutorial und einer kniffligen, aber lustigen Befreiungsaktion samt Verfolgungsjagd stehen Ihnen alle Möglichkeiten offen. Ihr vorübergehendes Ziel ist es, Tom Sheldon zu finden, der schon im ersten Teil von „Just Cause“ mitwirkte und der verdächtigt wird, zum Feind übergelaufen zu sein. Um an Informationen rund um seine Person zu gelangen, müssen Sie vorerst für eine der drei Fraktionen, die ihre Vormachtstellung in der riesigen Welt ausbauen wollen, arbeiten.
Die Reapers sind kommunistische Rebellen, die von Bolo Sintosi, einer Frau, die weiß was sie will, angeführt werden. Den krassen Gegensatz bilden die Roaches. Die Mitglieder dieser Organisation legen viel Wert auf ihr Äußeres und laufen ständig in Anzügen herum. Die Dritte Fraktion bilden die Ular Boys, die sich aus im Dschungel aufgewachsenen Ureinwohnern zusammensetzt.
Für jede Seite können so genannte Festungsübernahme-Missionen gemeistert werden, in denen Sie Stützpunkte des Militärs stürmen und anschließend einen Techniker beschützen müssen, der die Einrichtung sabotiert und damit die Kontrolle über diese übernimmt. Eroberte Festungen vergrößern den Einflussbereich der jeweiligen Bande auf der Insel, wodurch Ihnen weitere Missionen zur Verfügung stehen.
Um weitere Missionen freizuschalten und um die Macht des Militärs auf Panau zu schwächen, müssen Sie jede Menge Chaos veranstalten. Chaos-Punkte gibt es für so ziemlich jede dekonstruktive Handlung und – neben einem netten Sümmchen Bargeld – als Belohnung für die Einnahme von militärischen Einrichtungen beziehungsweise für die Befreiung von Städten und Dörfern. Wie eine solche Aktion ablaufen kann, veranschaulichen wir in den nachfolgenden Absätzen.
Auf dem Weg zu einer feindlichen Basis rast Rico in einem gestohlenen Wagen auf einen Checkpoint des Militärs zu. Die dort stationierten Soldaten eröffnen sofort das Feuer und wenig später steht das Gefährt bereits in Flammen. Kein Problem, den der Super-Agent springt einfach mit geöffnetem Fallschirm aus dem schrottreifen Auto, das daraufhin mit voller Wucht gegen eine Absperrung rast und dank der Explosion gleich noch einige der Wachen ins Jenseits befördert.
Gut zwanzig Meter über dem Boden gleitend eröffnen Sie das Feuer auf die Soldaten am Boden und schalten einen nach dem anderen aus. Eine Zielhilfe erleichtert dieses Vorgehen, Sie müssen lediglich in die ungefähre Richtung blicken und Ihr Held visiert die Gegner automatisch an. Während die Feinde Verstärkung anfordern, was sich in einem zu hörenden Funkspruch mitteilt, versucht sich Rodriguez weiter in Richtung seines eigentlichen Ziels vor zu arbeiten. Dazu benutzt er einen Greifhaken, der auf allen Oberflächen Halt findet und im Gleitflug zur Beschleunigung genutzt wird.
Die Situation wird zunehmend brenzliger, denn ein feindlicher Helikopter kommt näher. Doch um den Erfahrenen Rico ernsthaft gefährlich zu werden, müssen die Regierungstruppen schon ein wenig tiefer in die Trickkiste greifen. Kaum ist der Helikopter in unmittelbarer Nähe in Position gegangen, um das Feuer zu eröffnen, katapultiert sich Ihr Charakter durch Einsatz seines Hakens an das Kriegsgerät und lässt sich von dessen Unterseite hängen.
Ein beherzter Schwung, und Sie blicken dem Piloten und dessen Beisitzer direkt ins Angesicht. Einige Salven aus der Maschinenpistole genügen und der Co-Pilot stürzt tödlich getroffen nach unten. In mittlerweile luftiger Höhe wird auch der Pilot aus dem Fluggerät geworfen. Jedes Mal, wenn Sie ein militärisches Fahrzeug übernehmen, müssen Sie einen kurzen Quick Time Event meistern. Die Soldaten am Boden hätten eigentlich keine Chance gegen den Vogel, an dessen Steuer Sie sitzen, doch leider befindet sich ein Luftabwehr-System in der feindlichen Basis.
Bevor Ihr Fluggerät in Flammen aufgeht, fliegen Sie noch so weit wie möglich in Richtung Zentrum der Anlage und stürzen sich im letzen Moment ins Freie. Kurz vor dem Aufprall am Boden visieren Sie ein schnell näherkommendes Gebäude an und schleudern sich mit dem Haken zielgenau an dessen Wand. Selbiges funktioniert auch mit dem Boden. Sie brauchen also den Fallschirm gar nicht einzusetzen, um einen eigentlich tödlichen Sturz zu überleben. Kurz vor dem Aufprall einfach den Haken einsetzen und Ich Held übersteht den Absprung unbeschadet, obwohl die Fallgeschwindigkeit dadurch eigentlich noch erhöht wird.
Wie es der Zufall so will, befindet sich die feindliche Raketen-Abschussanlage, die für den Ausfall des Helikopters verantwortlich ist, auf eben diesem Gebäude, an dessen Wand Rico hängt. Nach einem beherzten Sprung stehen Sie direkt vor dem Gerät und platzieren einen Sprengsatz mit Fernzünder. Unterdessen treffen weitere Truppen ein und versuchen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Während es die Anlage in ihre Einzelteile zerreißt, wird Ihnen eine Prozentzahl angezeigt. Diese steht für den Fortschritt im aktuellen Gebiet.
Übernahme
Haben Sie alle gekennzeichneten Einrichtungen eines Stützpunkts zerstört und außerdem die Vorratskisten (dazu später mehr) gefunden, hält die Anzeige bei 100% und das Militär zieht sich von diesem Ort zurück. Fortan können Sie sich in diesem Gebiet also völlig sorglos mit Waffen eindecken und sich an den stationierten Fahrzeugen bedienen. Doch bevor es endgültig so weit ist, gilt es den noch aktiven Alarm zu überstehen.
Dieser gilt für das Gebiet, in dem Sie gerade für Chaos gesorgt haben, weshalb noch immer neue Einheiten nachströmen, um Sie fertig zu machen. Da gerade nichts Besseres bereit steht, springen Sie in einen Geländewagen und versuchen die Verfolger loszuwerden. Diese sind aber, vor allem in den höheren Alarmstufen recht hartnäckig. Ein Verfolger befindet sich schon fast auf gleicher Höhe mit Ihnen und zwei Soldaten lehnen sich aus dem Fahrzeug und versuchen Sie, mit Sturmgewehren an der Flucht zu hindern.
Kein Grund zur Panik, denn Rico springt einfach aus dem Fahrzeug und zwar direkt auf das Dach des Verfolgers und hängt sich nach einer akrobatischen Bewegung an den Kühlergrill des Fahrzeugs. Wieder werden zuerst die Beifahrer erledigt und anschließend das Steuer übernommen. Und weil Sie mittlerweile über eine sechzig Meter hohe Brücke fahren und ein Agent wie Rico stets einen grandiosen Abgang hinlegen sollte, springen Sie aus dem Fahrzeug und segeln dem Sonnenuntergang entgegen.
Der Haken
Solche packenden Szenen erleben Sie in „Just Cause 2“ immer wieder, aber leider hat das Spiel auch seine Schattenseiten. Eine von diesen ist das äußerst seltsame Fahrverhalten der verschiedenen Vehikel, vor allem das von jenen mit Heckantrieb. Hinzu kommt noch, dass die Wachen manchmal das Feuer auf Sie eröffnen, obwohl Sie hinter einer Wand stehen und die Sie eigentlich gar nicht sehen dürften.
Der nächste Kritikpunkt betrifft die Missionen, die sich oft wiederholen und deren einleitende Videosequenzen ebenfalls immer wieder dieselben sind. Im Fall der Reapers etwa kommt jedes Mal ein Fahrzeug zu Ihnen, von dem eine Kiste mit Waffen abgeworfen wird, während Ihnen die Anführerin der Gruppe die Ohren mit pseudo-kommunistischen Gelaber vollplärrt. In Sachen Abwechslung dürfen Sie also, abgesehen von den Missionen der Agentur, nicht sonderlich viel erwarten.
Wie zuvor erwähnt gilt es in einem Stützpunkt nicht nur die Einrichtungen zu zerstören, sondern auch Kisten, in denen Waffen-, Fahrzeug-, oder Rüstungsteile zu finden sind. Diese benötigen Sie dazu, um die am Schwarzmarkt erhältlichen Ausrüstungsgegenstände und Fahrzeuge zu verbessern, sowie um Ihre maximale Anzahl an Lebenspunkten zu erhöhen. Einen Händler finden Sie übrigens nie – denn er findet Sie. Sie setzten lediglich ein Signal an der Stelle, an der die Ware abgeworfen werden soll und schon erscheint der Hubschrauber des zu Beginn unbekannten Lieferanten.
Panau
Wie zu Beginn erwähnt ist Panau einfach riesig. Über 350 Orte warten darauf, von Ihnen befreit zu werden. Um die Reisezeiten kürzer zu gestalten, können Sie den kostenlosen Transport zu bereits entdeckten Orten via Helikopter in Anspruch nehmen, der ebenfalls vom Schwarzmarkthändler angeboten wird.
Zusätzlich zu den Missionen können Sie Checkpoint-Rennen absolvieren, die ebenfalls mit Chaos-Punkten und Geld belohnt werden. All Ihre Tätigkeiten werden wie in den Spielen der „GTA“-Reihe statistisch erfasst, etwa wie viele Kilometer Sie bereits in einem Fahrzeug zurückgelegt haben oder von welcher Höhe Sie den längsten Base Jump durchgeführt haben (Unser höchster: 557 Meter).
Grafik und Sound
Grafisch wirkt „Just Cause 2“ zunächst sehr beeindruckend und zwar vor allem wegen der hübschen Vegetation. Die Blätter an den Palmen sehen herrlich frisch aus und im Dschungel fällt das Licht herrlich durch das Blätterdach. Fast möchte man glauben die Welt sei perfekt, doch dann kommen einem die steril wirkenden Brücken und andere mangelhafte Darstellungen in den Sinn, die das Gesamtbild ein wenig vermiesen. Aufgrund der Größe der Welt kommt es immer wieder vor, dass Gebäude plötzlich aus dem Nichts aufpoppen und selbiges gilt für Autos und Personen, wenn Sie sich nur schnellgenug Bewegen.
Ebenso wie das Fahrverhalten stimmt auch der Sound bei den einfachen Fahrzeugen nicht ganz. Dieser Fehler sticht aber aus der meines Erachtens nach ansonsten sehr guten Soundkulisse nicht sonderlich hervor. Etwas anders ist das mit den deutschen Synchronsprechern, die teilweise sehr emotionslos daherlabern.
Steuerung
Die oben beschriebene Art zu spielen, erfordert ein wenig Fingerakrobatik. Immer wieder müssen abwechselnd die X- und die L1-Taste benutz und die Kamera ausgerichtet werden, aber nach maximal zwei Spielstunden sollten Sie selbst die kniffligsten Manöver beherrschen. Sehr gut gefällt mir, auf welche Art die Waffen ausgewählt werden. Am digitalen Steuerkreuz wählen Sie mit den Tasten links und rechts die Waffen, die Sie in der jeweiligen Hand tragen möchten, wobei links den Granaten entspricht. Drücken Sie letztere länger, nimmt Rico Schusswaffen in beide Hände. Ihre Primärwaffe wählen Sie mit der nach oben zeigenden Taste an.
Da das Fahrverhalten sehr vereinfacht wurde, können Sie sich vorstellen, dass selbiges für die Steuerung gilt. Sie können ohne Bedenken das Cockpit eines Hubschraubers verlassen werden, um sich an dessen Unterseite herunterhänge zu lassen – der Vogel bleibt trotzdem in der Luft! Wenn Sie sich fragen sollten, warum in aller Welt sollte Rico das tun, rufen Sie sich diese Antwort, die auch mir geholfen hat, das Handeln des Helden nachzuvollziehen, in den Sinn: Weil er es kann.
Atmosphäre
„Just Cause 2“ bietet eine glaubhaft inszenierte Inselwelt. In den Städten und Dörfern treffen Sie auf Personen, die mit beiden Händen an die Wand gelehnt oder am Boden zusammengekauert den schlimmsten Augenblick ihres virtuellen Lebens durchstehen, während wenige Schritte hinter ihnen bewaffnete Soldaten patrouillieren. Und wenn Sie der Zivilisation entfliehen und sich mitten in den Wald stellen, bekommen Sie Vogelgezwitscher und andere Geräusche zu hören.
Sei es auf dem Wasser, auf den Straßen oder in der Luft – immer ist irgendwo was los. Was ein wenig an der Motivation weiterzuspielen nagt, sind die teilweise recht langen Passagen zwischen den Agentur-Missionen, die dafür verantwortlich sind, die Story weiter zu treiben.
„Just Cause 2“ hat zwei Gesichter. Das eine bringt mich dank des actionreichen Gameplays und der unglaublichen Freiheit zum Lachen, während mir das andere aufgrund der sich wiederholenden Missionen, der steril wirkenden Brücken und Straßen sowie der fehlenden Motivation, die Story zu Ende zu spielen, die eine oder andere Träne herausdrückt. Doch die Welt ist so einladend und lockt enorm mit fast grenzenloser Freiheit, dass „Just Cause 2“ noch immer das Laufwerk meiner PS3 beansprucht.
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