Ein weiteres Buch, ein weiterer Film und ein weiteres, dazu passendes Videospiel. Die "Harry Potter"-Franchise ist stark, sehr stark sogar und man könnte meinen, dass daher ein Spiel auf den Markt kommt, das nicht sämtliche Fans der Serie enttäuscht zurücklässt.
Die Geschichte von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ knüpft nahtlos an die Geschehnisse der Vorgänger an und zeichnet den Beginn eines dunklen Zeitalters, in dem der gar schrecklich böse Lord Voldemort aufs Neue sein Unwesen treibt.
Harry, der seine Ferien wieder einmal irgendwo verbrachte, kehrt nach Hogwarts zurück und erlebt dort abermals wilde Abenteuer mit allerlei magischem Schnick-Schnack. Um den Grundstock des Plots nicht zur sechsten Wiederholung abstumpfen zu lassen, ließ sich Fr. Rowling etwas einfallen und brachte (wie schon oft zuvor) neue Charaktere ins Spiel, lässt Harrys sexuelle Natur erwachen und den wunderbaren Draco zum Wiedersacher par excellence aufsteigen. Leider merken Sie im Spiel nur sehr wenig von der mehr oder minder dichten Atmosphäre des Films. Vielmehr quält Sie das Spiel mit endlos langen, nicht abbrechbaren Dialog-Sequenzen, in denen der gute Harry alle Seiten seiner von Daniel Radcliffe geerbten Mimik zeigt, die im Ende doch nicht mehr ist als ein „Dreinschauen“.
Kurzum: Voldemort bedroht Hogwarts und Harry muss einen Weg finden, den listigen Erzfeind zu vernichten. Dazu kommt der Kult der Todesser, zwischenmenschliche Komplikationen aller beteiligten Charaktere und die große Liebe. Im Film zumindest, denn im Spiel merken Sie davon nur wenig.
Gameplay
Wenn schon der Film unter Zeitdruck leidet und deshalb etwas zusammenhanglos wirkt, kann das im billig produzierten Spiel zum Film keinen guten Ansatz geben. Generell gestaltet sich das Spielprinzip folgendermaßen: Sie führen einen „spannenden“ Story-Dialog, welcher Ihr nächstes Ziel vorgibt. Danach drücken Sie die „Select“-Taste, um den kopflosen Nick herbeizurufen, welcher Ihnen Ihr nächstes Ziel erst einmal zeigt, denn ohne Karte, Übersichtplan oder wenigstens Wegweiser tut man sich etwas schwer, das Herbarium, den großen Saal oder Harrys Zimmer überhaupt zu finden. Im Anschluss findet am Zielort eines von drei „Minispielen“ statt. Entweder duellieren Sie sich, brauen einen Trank oder bestreiten ein Quidditch-Spiel.
Während Sie Nick also hinterher trotten, haben Sie die Möglichkeit Hogwarts Wappen zu sammeln, welche Ihnen einige Vorteile verschaffen können. Manchmal sind diese etwas umständlicher zu erhalten, was zumindest einige Zeit den Sammlertrieb weckt. Haben Sie dann erst genug dieser Wappen, steigt zum Beispiel Ihre Gesundheit in Duellen an, was sehr gut ist, denn im Spiel duelliert sich der gute Potter öfter als in allen Filmen bisher zusammen.
Das Duell, der erste der drei Gameplay-Mechaniken, bietet Ihnen die Chance, einen lästigen Huffelpuff zu rösten oder den arroganten Ravenclaw zu zeigen, wer der Boss im Hause Hogwarts ist. Da aber ohnehin beinahe alle Mitschüler gleich aussehen, außer Wege zu blockieren nicht allzu viel zur Stimmung beitragen und dazu kämpferisch meist sehr dumm sind, stellt sich bei den Duellen bald das gefürchtete „Oh, nicht schon wieder“-Gefühl ein. Nach einem gefühlt zu lange geratenen Auftakt stehen Sie dem Kontrahenten gegenüber und beharken ihn mit einem Ihrer fünf Angriffszauber. Taktisches Vorgehen mag möglich sein, die Realität ist allerdings simpler gestrickt. Im Grunde genügt es, sich vor den Gegner zu stellen und ihn mittels „Expeliamus“ immer wieder umzuwerfen, am Boden mit kleinen Feuerbällen beharkt steht er alsbald wieder auf, wo ihn ein gut getimter weiterer „Exepliamus“ wieder zu Boden ringt. Selbst der Endkampf lässt sich so bestreiten.
Nachdem also das Duell etwas enttäuschend ausgefallen ist, widmen wir uns im nächsten „Abenteuer“ dem Quidditch-Spiel. An sich eine sehr spannende Sache, doch leider beherrscht Harry nur das Fliegen selbst und kann so keinerlei Rempler, Kunststücke oder sonstwie interessante Aktionen ausführen. Sie fliegen also geradewegs von einem Tor zum nächsten und versuchen, dieses so präzise wie möglich zu treffen. Je nachdem, wie zielgenau Sie das Tor durchfliegen, erhalten Sie eine bestimmte Menge Bonuszeit. Ziel ist es, die Strecke im Zeitlimit zu absolvieren. Ab und an attackiert Sie ein Spieler der gegnerischen Mannschaft - das tut aber nicht wirklich etwas zur Sache.
Erneute Enttäuschung macht sich breit, denn nun sind zwei von drei Möglichkeiten bereits in den Fluten des Desinteresses versunken, bleibt nur noch das lustige Tränke-Brauen als letzter Glimm der Hoffnung. Und in der Tat macht dies sogar Spaß. Beim Brauen kommt es auf die richtige Geschwindigkeit und schnelle Reaktion an, denn rechts werden Ihnen die benötigten Zutaten angezeigt, welche Sie aus den vorhandenen Fläschchen und Phiolen herauspicken und in den Kessel kippen müssen. Um die Sache zu erschweren, müssen manche Zutaten zuerst geschüttelt, der Kessel zwischenzeitlich erhitzt oder die Suppe umgerührt werden. Auch der Schwierigkeitsgrad der Tränke steigt im Verlauf des Spiels und bietet so zumindest den Grundstein der Motivation, das Spiel überhaupt zu beenden.
Letzteres ist in gut fünf Stunden erledigt, das Komplettieren der Trophäen würde noch einmal diese Zeit ausmachen. Sehr schwach, für ein Spiel mit solchem Namen und derartigem Preis.
Steuerung
Dass ein simples Spiel keine ausgefeilte Steuerung braucht, ist klar - deshalb punktet „Harry Potter und der Halbblutprinz“ hier. Der kleine Zauberstab des Potter wird mit dem rechten Stick geschwungen und je nachdem, welche Figuren Sie damit kreieren, wird ein anderer Spruch gesprochen. Von den neun, die im Spiel vorkommen, brauchen Sie jeden einige Male, daher erfüllt dieser Gag sein Soll. Fortbewegt wird mit dem linken Stick, die restlichen Tasten dienen dem Aktivieren von Gegenständen oder Ausweichen im Duell.
Grafik und Sound
Das Knausern zieht sich durch. Grafisch wirkt das Spiel auf PS2-Niveau, welche wohl auch als Programmier-Grundstock herhalten musste. Manche der Gesichter sind wirklich gelungen, allerdings wirkt Hermine wie eine russische Porno-Diva, wogegen der zu kleine Kopf von Ron durchaus Charme besitzt. Die Effekte, die die Zauber erstrahlen lassen sollen, wirken vor dem schwachen Hintergrund leider völlig verloren und die Animationen geraten oft etwas steif, so wirkt der laufende Harry als würde er seinen Zauberstock im Hinter zu tragen pflegen.
Musikalisch wurde der Soundtrack des Filmes herangezogen, bietet somit epochale Klänge und gefällt. Die Sprecher sind zwar die des Films, allerdings würde sich mit dieser Einstellung kein Blockbuster drehen lassen - das kann man nur dem geneigten Spieler zumuten, der ungefähr das Zehnfache eines Kino-Tickets bezahlt. Von gelangweilt bis halbwegs passabel ist leider alles dabei.
Sollte man sich innigst wünschen, einmal in Hogwarts schlendern zu dürfen, unbedingt einmal einen Zauber zu sprechen und auf Gedeih und Verderb Harrys Tagewerk bewundern wollen, dann erweitern Sie am besten Ihr Bewusstsein und spielen dieses Spiel. Dies sind meines Erachtens die einzigen Voraussetzungen, die Atmosphäre jedweder Art entstehen lassen.
Erneut schröpft EA Games die Massen und bietet mit „Harry Potter und der Halblutprinz“ die Karikatur eines soliden Videospiels. Zwar hatte man dieses Jahr Pech, denn auch der Film blieb weit hinter den Erwartungen zurück, doch für ein solches Spiel einen derartigen Preis zu verlangen, grenzt an schlimmstem Gaunertum. In Zeiten der Krise sollten Sie sich einen Kauf wie diesen besser dreimal überlegen!
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